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Lando Norris in der Formel 1:So reich wie schnell

F1 Grand Prix of Monaco

Lando Norris staubt derzeit einige Trophäen und Punkte in der Formel 1 ab.

(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Lando Norris, 21, ist die größte Überraschung dieser F1-Saison. Nach zwei Podiumsplätzen steht der McLaren-Pilot auf Platz drei der Gesamtwertung - und kämpft gegen ein Vorurteil an.

Von Philipp Schneider

Lando Norris war sicher nicht gemeint, als Lewis Hamilton kürzlich eine in regelmäßigen Abständen wiederkehrende Debatte in der Formel 1 belebte: Welcher Fahrer sitzt nur deshalb in einem Rennauto, weil er der Sohn (Töchter gibt es ja keine) schwerreicher Eltern ist? Meinte er auch Norris?

Wer Wortklauberei betrieb, merkte sogleich, dass Norris gar nicht in Hamiltons Definition passte. Die Formel 1 sei zu einem "Klub für Milliardärssöhne" verkommen, hatte Hamilton geklagt - sein Vater Anthony musste bekanntlich einst verschiedene Jobs annehmen, um das Go-Kart des kleinen Lewis zu unterhalten. Norris konnte nicht gemeint sein, weil sein Vater für diesen Klub etwas, nun ja, zu arm ist.

Zwar konnte Adam Norris im Alter von 36 Jahren vorzeitig in Rente gehen, nachdem er sein Unternehmen für Pensionsfonds zu Geld gemacht hatte. Allerdings wird sein Vermögen doch nur auf rund 205 Millionen britische Pfund geschätzt. Was allerdings genügte, um den Sohn schon in der Formel 3 von privaten Köchen und Physiotherapeuten umschwirren zu lassen, wie zu hören war.

Hamilton musste keine Namen nennen, es war klar, an wen er vor allem dachte: Die Milliardäre Lawrence Stroll und Dimitri Masepin haben jeweils enorme Summen investiert, um ihre Söhnchen Lance und Nikita in die Formel 1 zu bringen - samt Privatfahrten auf zahlreichen Test-Strecken. Die Frage, wessen Vater aktuell die dickste Yacht vor Monaco dümpeln hat, ist ohnehin eine müßige in der Formel 1.

Weil mit Ausnahme von Hamilton und dem Monegassen Charles Leclerc wohl die wenigsten Piloten eine Kindheit erlebten, in der der Kühlschrank nicht allzeit prall bestückt war. Selbst die Väter von Max Verstappen und Mick Schumacher, die sich ihren Reichtum als Rennfahrer selbst erarbeitet haben, konnten ja die Ausbildung ihrer Söhne mit Leichtigkeit finanzieren. Und Sergio Perez wäre nicht in der Königsklasse, wäre er nicht allzeit vom Telekommunikations-Riesen Telmex gefördert worden. Nicht allein, weil er schon in Windeln schnell war. Sondern weil er Mexikaner ist.

Und doch lässt sich über Lando Norris, 21, aufgewachsen in Glastonbury bei Bristol, wo eines der größten Rockmusik-Festivals der Welt stattfindet (wofür sich Norris aber nie sonderlich interessierte), mit guten Argumenten dies hier behaupten: Er ist wohl der talentierteste Rennfahrer schwerreicher Eltern in der Formel 1.

Dass er seinen erfahrenen Teamkollegen Daniel Ricciardo in Monaco überrundete, bedeutete für diesen die sportliche Höchststrafe

Als Norris vor zwei Jahren als jüngster britischer Pilot der Formel-1-Historie ein Cockpit erhielt, stellte ihn die britische Presse wegen seines sozioökonomischen Hintergrunds als "Anti-Hamilton" vor. Vor einem Jahr stand er in Österreich als jüngster Brite auf dem Podium. Doch was er in dieser Saison, seiner dritten bei McLaren aufführt, das übertrifft sogar die Erwartungen seines Teamchefs Andreas Seidl, der den Traditionsrennstall in den vergangenen drei Saisons in der Konstrukteurs-Wertung von Platz sechs auf drei gecoacht hat: Fünf Rennen sind gefahren, zweimal stand Norris auf der untersten Stufe des Treppchens.

In der Gesamtwertung bedeutet das den dritten Platz hinter Verstappen und Hamilton. Es ist sogar so: Norris ist inzwischen der einzige Fahrer der Formel 1, der saisonübergreifend in den vergangenen zehn Rennen in die Punkte gefahren ist. "Das wusste ich nicht", sagte er vor dem Rennen an diesem Sonntag in Baku. Er wirkte glaubwürdig erstaunt.

Als Norris kürzlich an der Seite von Verstappen und dem Ferrari-Piloten Carlos Sainz das Podium im Fürstentum Monaco komplettierte, da hatte er seinen Teamkollegen Daniel Ricciardo nicht nur besiegt, wie in vier von fünf Rennen. Er hatte ihn überrundet. Zwar kann so etwas in den engen Gassen bei der Hafenrundfahrt schon einmal passieren.

Doch ist der enorme Leistungsunterschied zwischen dem erfahrenen Ricciardo, seit Jahren einer der besten und konstantesten Piloten des Feldes, und Norris die größte Überraschung der noch jungen Saison. "Ich weiß nicht, ob mir das überhaupt schon mal passiert ist", rätselte Ricciardo danach. "Lando zeigt sicher gute Leistungen. Aber er ist nicht so gut, dass er mich überrundet. Bei so einem großen Unterschied muss irgendwo ein dicker Hund drin sein."

Diesen Hund hat bei McLaren noch niemand gefunden. Zumindest nicht im Auto. "Lando zeigt ja, was möglich ist. Wir müssen nun schauen, wie Daniel am besten seinen Fahrstil umstellen kann", sagt Teamchef Seidl - ein Satz, scharf wie ein Rasiermesser. Gesprochen vor dem Hintergrund, dass McLaren langfristig zwei starke Autos benötigt, um Platz drei vor dem Zugriff Ferraris zu sichern.

Zwei Erklärungen drängen sich auf für den enormen Leistungsunterschied der Fahrer. Zum einen haben viele Piloten, die vor der Saison das Auto gewechselt haben, enorme Schwierigkeiten. Weil die Autos zu 70 Prozent denen des Vorjahres entsprechen, wovon diejenigen Fahrer profitieren, die schon 2020 in ihnen saßen.

Außerdem wurde das Testprogramm vor dem Saisonstart massiv reduziert, weshalb sich Umsteiger wie Sebastian Vettel, Fernando Alonso und Ricciardo kaum an ihr Auto gewöhnen konnten. Kurz vor der sechsten Rundfahrt des Jahres dürfte dieser Nachteil aber allmählich verblassen. Der zweite Erklärungsansatz ist ein simpler: Lando Norris versteht es vortrefflich, die Schwächen eines Autos mit Talent auszugleichen. Das ist die Eigenschaft der Größten, eine Gabe, die auch Michael Schumacher nachgesagt wurde.

Erst kürzlich hat McLaren den Vertrag von Norris vorzeitig verlängert. Zak Brown, Chef von McLaren Racing, freute sich über die Bindung "eines der klügsten Talente im Formel-1-Starterfeld". Er ist jedenfalls schlau genug gewesen, gleich in seiner ersten Saison in der Formel 1 den Status eines Bezahlfahrers in Abrede zu stellen. "Ich rede nicht gerne darüber", sagte er. "Aber im Vergleich zu Lance Stroll ist mein Vater bei weitem nicht so wohlhabend."

© SZ/lein/bkl
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