Lamar Jackson in der NFL:Terence Hill flieht vor Bud Spencer

NFL: San Francisco 49ers at Baltimore Ravens

Überragend drauf: Lamar Jackson (Mitte) in der NFL.

(Foto: USA TODAY Sports)
  • In der NFL tut sich derzeit Quarterback Lamar Jackson hervor, weil er lieber mit dem Ball läuft als zu passen.
  • Solche Spieler gab es schon früher, doch ihre Aktionen sind gefährlich.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Das hat die Welt noch nicht gesehen! Mit diesem Satz vermarkten sie im Profisport gerne jede frische Attraktion, damit die Leute Eintrittskarten kaufen oder den Fernseher einschalten, wenn dieses sportliche Phänomen zu bestaunen ist. In der US-Football-Liga NFL ist das derzeit Lamar Jackson, Spielmacher der Baltimore Ravens. Beim 20:17-Sieg im Spitzenspiel gegen die San Francisco 49ers zeigte er, dass er eine Partie auch dann prägen kann, wenn er nicht seinen besten Tag erwischt. Oder: Er konnte zeigen, warum er so einzigartig ist, gerade weil er nicht allzu berauschend gespielt hatte.

Es regnete und stürmte in Baltimore, keine idealen Bedingungen für Pässe. "Ihr habt die Bälle gesehen: Schrecklich war das", sagte Jackson: "Ich war völlig daneben und habe dauernd in den Rücken der Receiver geworfen." Nur 14 seiner Pässe kamen bei den Mitspielern an, für einen Raumgewinn von gerade mal 105 Yards. Allerdings erlief Jackson 101 Yards, erreichte ein Mal die gegnerische Endzone, setzte bei einem Spielzug den Gegenspieler mit einer Das-hat-die-Welt-noch-nicht-gesehen-Körpertäuschung auf den Hosenboden und ermöglichte mit einem erfolgreichen Lauf kurz vor Schluss das siegbringende Field Goal durch Justin Tucker.

Die Ravens haben mittlerweile acht Partien nacheinander gewonnen, unter anderem gegen die Titelfavoriten 49ers, New England Patriots und Seattle Seahawks, sie haben derzeit die beste Bilanz (10:2) der Liga und könnten angesichts des einfachen Rest-Spielplans (Buffalo Bills, New York Jets, Cleveland Browns, Pittsburgh Steelers) die kompletten Playoffs über Heimrecht genießen. Jackson hat bislang 977 Yards Raumgewinn erlaufen und dürfte den Quarterback-Rekord von Michael Vick (2006, 1039 Yards) brechen, neben Russell Wilson (Seahawks) und Patrick Mahomes (Kansas City Chiefs) ist er der Favorit auf die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler (MVP) der regulären Spielzeit.

Er bedroht die gegnerische Defense gleich mehrfach

Jackson, 22, ist ein so genannter "Dual-Threat-Quarterback", eine doppelte Bedrohung, weil er sowohl werfen als auch laufen kann. Die Ravens können Spielzüge verwenden, die unter dem Begriff "Option" zusammengefasst sind und bei denen der Spielmacher erst währenddessen entscheidet, was passieren wird: Er täuscht zum Beispiel eine Übergabe an einen Laufspieler an und lockt die gegnerischen Verteidiger so in die Mitte des Spielfelds, er selbst läuft mit dem Ball jedoch in Richtung Seitenlinie. Er kann nun entweder abgeben auf einen zweiten Läufer, nach vorne passen - oder selbst laufen. Das sieht dann bei Jackson aus wie in den unvergessenen Bud-Spencer-Terence-Hill-Western, wenn der flinke Hill all die Bösewichter ins Leere rennen lässt.

Die konsequente Umsetzung der legendären Jürgen-Klinsmann-Regel ("Ich habe keine Ahnung, was ich machen werde - der Gegner aber auch nicht") ist somit eine mehrfache Bedrohung, die stabile Ravens-Offensivlinie beschützt ihren Spielmacher und stellt die gegnerische Defensive (die der 49ers gilt als beste der Liga) vor kaum lösbare Rätsel. Es ist spektakulär und erfolgreich, und es verwundert nicht, dass auch die anderen MVP-Kandidaten Wilson und Mahomes Dual-Threat-Quarterbacks sind - diese Spielweise ist jedoch gefährlich.

Das liegt daran, dass der Quarterback beim Verlassen des protegierten Bereichs kaum noch Beschützer vor sich hat und beim Überschreiten der Angriffslinie zum Laufspieler mit Sonderrechten wird. Die Verteidiger können ihn wie jeden anderen Spieler umreißen, und die 49ers haben genau das immer wieder getan, ein paar Mal wirkte Jackson wie ein von der Bud-Spencer-Faust getroffener Bösewicht.

Schlimme Kollisionen

Die Verletzungsgefahr ist immens, und wer wissen will, was passieren kann, der sollte diesen Spielzug der Ravens bei der Partie gegen die Cincinnati Bengals vor ein paar Wochen sehen: Jackson täuschte eine Übergabe an einen Laufspieler an, lief mit dem Ball jedoch in Richtung Seitenlinie und gab dann ab auf den zweiten Läufer: Robert Griffin. Ja, der Robert Griffin.

Es ist nämlich mitnichten so, dass die Welt einen wie Jackson noch nicht gesehen hat. Randall Cunningham, Donovan McNabb und Michael Vick waren vor mehr als 15 Jahren die ersten Exemplare, in diesem Jahrzehnt gab es Colin Kaepernick, Cam Newton - und Griffin. Dessen Karriere als Stamm-Quarterback ist aufgrund zahlreicher Verletzungen nach schlimmen Kollisionen wohl vorbei, er ist Ersatzmann von Jackson und wird nur sporadisch eingesetzt. Derzeit ist auch Newton schwer verletzt, Kaepernick bekommt nicht nur wegen seiner Proteste beim Abspielen der Nationalhymne keinen Vertrag mehr, sondern auch, weil er mit 32 Jahren nicht mehr so beweglich sein dürfte wie einst.

Wer sich fragt, warum ein einzigartiger Athlet wie Jackson bei der Talentbörse voriges Jahr erst an 32. Stelle gewählt worden ist, der landet bei den berühmten Vorgängern, deren Karrieren aufgrund schlimmer Verletzungen wegen dieser riskanten Spielweise heftig verkürzt worden sind. Langfristig erfolgreich sind jene, die ihre Spielweise umstellen - die also seltener nach vorne stürmen, sondern ihre Beweglichkeit dazu nutzen, den Verteidigern hinter der Angriffslinie auszuweichen und den Passempfängern mehr Zeit zum Freilaufen zu geben. Wilson hat sich dazu entwickelt, er lief beim 37:30-Sieg im zweiten Spitzenspiel gegen die Minnesota Vikings nur vier Mal und legte sich jeweils vor der Kollision auf den Rasen.

Bleibt die Frage, ob sich Jackson ebenfalls anpassen wird. "Ich kümmere mich ausschließlich um diese Saison und die Chance, den Titel zu gewinnen", sagt er. Das ist ein Satz, den die Welt schon häufiger gehört hat. Die NFL ist nicht bekannt dafür, sich intensiv mit langfristigen Folgen dieser gefährlichen Sportart zu beschäftigen, sie fördert Spektakel in der Gegenwart. Allerdings hat sie die Regeln so geändert, dass die Stars geschützt werden - Jackson soll möglichst lange jemand bleiben, den die Welt noch nicht gesehen hat.

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