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Atlético Madrid in Spanien:Vendetta des ewigen Rächers

La Liga Santander - Atletico Madrid v Celta Vigo

Luis Suárez trifft einfach immer weiter - auch gegen Celta Vigo.

(Foto: Sergio Perez/Reuters)

Luis Suárez verließ Barcelona unter Tränen, jetzt ist er erneut bester Torschütze in Spanien. Dank seiner Tore steuert Atlético der Meisterschaft entgegen - trotz einiger Widrigkeiten.

Von Jonas Beckenkamp

Es nicht so, dass beim Club Atlético de Madrid gerade alles glatt läuft, aber wer in der spanischen Liga Erster ist, kann vieles verkraften. Zum Beispiel eine zehnwöchige Sperre für Rechtsverteidiger Kieran Trippier. Der Engländer soll 2019 kurz vor seinem Wechsel nach Madrid Freunden empfohlen haben, auf seinen Transfer zu wetten. Das kam heraus, weil die Zeitung Daily Mail Chatverläufe veröffentlichte. Ein Einspruch Atléticos gegen die Strafe wurde abgewiesen, Trippier darf erst im März wieder ran.

In dieser Woche wurde bekannt, dass zwei weitere Atlético-Profis sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Den Franzosen Thomas Lemar und den Mexikaner Hector Herrera hat's erwischt, damit erhöhte sich die Zahl der Fälle bei den Weißroten auf sechs. Zuvor waren bereits Moussa Dembélé, João Félix, Yannick Carrasco und Mario Hermoso infiziert, etwa ein Drittel der Mannschaft konnte somit in letzter Zeit nicht Fußball spielen.

Normalerweise wären solche Nachrichten Grund für Alarmstimmung, aber bei Atlético sind sie Erschütterungen ja gewohnt. Der Klub trotzte vielen Widerständen, er überstand zwei verlorene Endspiele in der Champions League - und jetzt hat das Schicksal ihn an Spaniens Spitze getragen. An den Platz, den sonst Real Madrid und der FC Barcelona für sich gepachtet haben. Doch die kriseln jeweils auf ihre Art durch diese Corona-Saison, während die "Colchoneros" als großer Profiteur den Umsturz einleiten.

Atlético kann tatsächlich Meister werden

Ein Revolutiönchen wäre es schon, wenn Atleti erstmals seit 2014 wieder campeón werden würde, wenn also dieser Verein der Geplagten und Geprellten seine zweite Meisterschaft mit Trainer Diego Simeone feiern würde. Bei aktuell acht Punkten Vorsprung mit einer Partie Rückstand scheint dieses Szenario nicht mehr so weit entfernt zu sein, auch wenn es am Montagabend nur ein 2:2 (1:1) gegen Celta Vigo gab. Das Erstaunliche an der Machtergreifung der Madrilenen ist, dass sie gar nicht so viel anders machen als sonst. Wer sich die Spiele anschaut, erkennt vieles wieder: Seit Jahren zelebriert Atlético jene Art von Fußball, der nur ganz Eingefleischte huldigen. Zerstörerfußball, finden manche. Meisterhaft orchestrierte Effizienz, finden andere.

Simeone hat Atlético nach seinem Gusto entwickelt, seine Elf spielt so wie der mister selbst tickt: biestig, diszipliniert, clever, effektiv. Nicht erst seit dieser Spielzeit gilt es als ausgemachte Schwerstschufterei gegen das Pressingnetz seiner Elf überhaupt ein Tor zu erzielen. Bislang gab es nur zwölf Gegentreffer, lediglich die Rangers aus Glasgow und Sporting Lissabon verfügen in Europa über eine bessere Bilanz. "Simeone kriegt einen mit seiner totalen Leidenschaft, seiner positiven Art und seinem enormen Wissen über den Fußball", erzählte nun Stürmer Luis Suárez in einem Radio-Interview bei Onda Zero.

Überhaupt, Suárez: Der Uruguayer ist seit seiner Ankunft aus Barcelona zu Saisonbeginn auf einer Art "Ich-zeig's-euch-allen-Tour". Man hätte es bei seiner Art Fußball zu spielen eigentlich wissen müssen: Kaum ein Akteur passt besser ins System Atléticos als der 34-Jährige, der mit 16 Toren die Torjägerliste in Spanien anführt. Suárez verkörpert den Zielspieler, den es braucht, wenn es mit wenigen Spielzügen rasend nach vorne geht, wenn ein Team davon lebt, dass vorne einer jeden durchflutschenden Ball verwertet. Gegen Vigo rauschte Suárez in zwei flache Hereingaben und traf doppelt. Zuletzt, beim 4:2 in Cádiz, zauberte er sogar einen betörend schönen Freistoß aus 26 Metern ins Netz.

Suárez, der ewige Rächer, scheint genau die eine Ergänzung im Kader zu sein, die der Klub brauchte. Sein Instinkt und seine Unerschütterlichkeit (trotz einer Knie-OP im vergangenen Jahr) lassen die Mannschaft gefährlicher wirken als mit dem mitunter trägen Diego Costa. Der wiederum hat sich jetzt vorzeitig aus seinem bis Sommer laufenden Vertrag gelöst - er wolle den Verein dringend verlassen, heißt es. Suárez' erneute Blütezeit ist indes das Resultat von Ereignissen aus dem vergangenen Sommer: Da kam er als angeknackste Persönlichkeit in den Madrider Nordwesten. Geplagt von den Demütigungen im Zusammenhang mit seinem Abschied bei Barça.

Suárez weinte bitterlich in Barcelona

Suárez weinte herzzerreißend bei einer Pressekonferenz, weil es ihn so sehr verletzte, dass man ihn einfach so wegschickte. Nach fast 200 Toren in sechs Jahren - doch die waren dem neuen Trainer Ronald Koeman egal, von ihm bekam er nur eine kurze Ansage am Telefon, wie er jetzt einräumte. "Das war echt hart, ich hatte damit überhaupt nicht gerechnet." Bis heute habe ihm niemand aus Barcelona die genaueren Umstände erläutert. Aber Suárez ist eben ein Stehauftyp. Einer wie er findet immer seine Vendetta.

"Nachdem ich aus Tagen der Traurigkeit kam, wollte ich das hinter mir lassen. Ich fokussierte mich auf neue Herausforderungen, einen Verein, der für wichtige Dinge kämpft und Menschen, die wollen, dass ich dort bin", sagt er nun. Und mit einem derart motivierten Neustarter ging Atlético in diese Saison, in der weiterhin die Künstler (Saúl Ñíguez, João Félix, Carrasco), die Strategen (Koke, Herrera) und die Grimmigen (Stefan Savic, José María Giménez) in jede Schlacht für ihren Trainer ziehen.

Simeone selbst pokert gerade wieder einmal um eine Vertragsverlängerung. Mit einem geschätzten Jahreseinkommen von 32 Millionen Euro gilt er als weltweiter Bestverdiener. Sollte er seinen Kontrakt bis 2024 ausbauen, dürfte es etwas weniger werden - denn die Pandemie hat auch Atlético wirtschaftlich erwischt. Aber mit einer erneuten Meisterschaft ließe sich das sicher ertragen.

© SZ/tbr
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