La Glosse:Kluges aus der Kältekammer

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Im französischen Fernsehen tritt jeden Abend jemand auf, den man von früher kennt. Anders als bei uns analysieren die alten Fußballer aber klug.

Von Holger Gertz

Jeden Abend kommt im französischen Fernsehen jemand, den man von früher kennt, ein Teil der Jugend tritt einem unter die Augen. Fernsehfußball in Frankreich ist eine sentimental journey. Neulich war Johan Micoud als Experte anwesend, der beste Spieler, den Werder Bremen je hatte. Er trug ein fabelhaft weißes Hemd und schickte den klassischen "Le Chef"-Blick ins Wohnzimmer, kalt und klug und deshalb voller Leben. Ob Frankreich jetzt Favorit sei, wollte der Moderator wissen, aber Johan Micoud brummte bloß: Nein, nein, Spanien und Deutschland bitte nicht vergessen. Micoud lächelte nicht, kaum jemand in Bremen hat ihn je lächeln sehen, der Mann ist ein Mythos. Und welcher Mythos hätte je gelacht?

Warum berührt einen das Wiedersehen mit alten Fußballern? Aus einem Gefühl des Neides heraus, Micoud sieht so aus, als hätte er das vergangene Jahrzehnt in einer Kältekämmer verbracht, er hat sich optisch kaum verändert. Das ist das eine. Das andere: Es ist schön zu sehen, wenn sich Leute im Inneren weiterentwickelt haben, die man als Kicker kannte, und dann begegnet man ihnen wieder, und dann analysieren sie das Spiel, wie Micoud, oder sie analysieren die Gesellschaft, wie Lilian Thuram. Sie sind gewachsen. Wer je Gary Lineker bei der BBC gesehen hat, wird kaum glauben können, dass der je was anderes gemacht hat. In Deutschland sitzen die alten Fußballer im Fernsehen nur dabei, sogar der fabelhafte Mehmet Scholl ist Co-Pilot. Anderswo dürfen sie Anchormen werden, Hauptmoderatoren. Und als Anchorman nimmt ihre Frisur dann sogleich die Anchorman-Tönung an, mehr silbern als weiß.

Bei M6 moderiert der ehemalige Fußballer David Ginola die Fußballsendung, Weste, Krawatte, alles Ton in Ton mit dem Haupthaar. Beim tapferen Thomas Helmer in good old Germany sind immerhin alle Gedanken und Witze Ton in Ton mit den Gedanken und Witzen des Phrasenschweins. Alte Fußballer hier in Frankreich machen eher weniger Witze, sie analysieren, sie unterhalten sich.

Bei Ginola war gerade die formidable Verteidigerin Laura Georges in der Sendung, und es war ein Erlebnis, zwei Experten über Sinn und Zweck des Spiels reden zu hören. Fernsehfußball in Frankreich ist nicht nur eine sentimental journey, sondern auch ein Gruß an die Gemeinde im Nachbarland Deutschland, wo man ernsthaft und sehr angestrengt immer noch darüber debattiert, ob eine Frau Männerspiele kommentieren darf.

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