Basketballer Kyrie Irving:Raus, weil er nicht geimpft ist

Basketballer Kyrie Irving: Kyrie Irving im Trikot der Brooklyn Nets. Er ist als NBA-Profi nicht geimpft - aber gleichzeitig Vizepräsident der Spielergewerkschaft.

Kyrie Irving im Trikot der Brooklyn Nets. Er ist als NBA-Profi nicht geimpft - aber gleichzeitig Vizepräsident der Spielergewerkschaft.

(Foto: SARAH STIER/AFP)

NBA-Berühmtheit Kyrie Irving will sich nicht gegen Corona impfen lassen. Nun planen die Brooklyn Nets, ihn nicht mehr einzusetzen. Es entbrennt ein Streit über Geld und Gerechtigkeit - der Basketballer hat seine eigene Sicht.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es gibt ein wunderbares Statement des britischen Komikers Ricky Gervais; es verrät sehr viel über die Zeiten, in denen wir leben, über gesellschaftliche Spaltung und das Recht auf freie Meinungsäußerung. Es geht so: "Bitte hört auf zu behaupten: 'Man kann über nichts mehr Witze machen.' Man kann. Man kann über verdammt noch mal alles Witze machen. Manche Leute werden diese Witze nicht mögen, und sie werden einem das mitteilen - und dann kann man immer noch entscheiden, ob einen das interessiert. Und so weiter und so fort. Das ist ein gutes System."

Man kann alles tun, sagt also Gervais, man muss nur mit den Konsequenzen leben. Und das gilt auch für die Vorgänge, die derzeit in der NBA geschehen. Es gibt keine Impfpflicht in den USA, und Kyrie Irving, einer der besten Basketballspieler der Welt, verzichtet darauf, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. "Es war seine Entscheidung, und die hat er getroffen", sagt Sean Marks, Manager der Brooklyn Nets, bei denen Irving unter Vertrag steht. Es gibt in ein paar US-Bezirken, New York und San Francisco zum Beispiel, die Regelung, zu Hallen-Sportereignissen und auch Trainings nur Geimpfte zuzulassen.

Das bedeutet: Irving hätte die 41 Heimspiele der Nets sowie Auswärtsspiele bei New York Knicks und Golden State Warriors verpasst; außerdem alle Trainingseinheiten, sollte der Verein nicht umziehen. Nun hat der Verein verkündet, ebenfalls eine Entscheidung getroffen zu haben: Irving wird nicht Teilzeit-Profi in Brooklyn, er wird so lange weder mit der Mannschaft trainieren noch spielen, bis er sich an die Regeln in New York hält. "Mein Job ist es, eine Entscheidung zu treffen, die wir für die beste für unser komplettes Team halten", sagt Marks: "Dafür gibt es nicht immer erhobene Daumen."

Nun muss Irving entscheiden, wie er mit der Entscheidung der Nets umgehen wird. In einem Statement auf Instagram erklärte er: "Ich sehe mich an der Seite all derer, die an das Richtige glauben. Jeder sollte das tun dürfen, was er für sich am besten findet. Mich macht es traurig zu sehen, wie uns das alles spaltet." Ist Irving also ein radikaler Impfgegner? Oder nur ein Sturkopf, der nicht sein will, wie die Mehrheit?

Auf jeden Fall ist dieser 1,88 Meter große Dribbelkönig nicht irgendwer: siebenmaliger All-Star, Meister 2016 mit den Cleveland Cavaliers, Olympiasieger in Rio; popkulturelles Phänomen als Kunstfigur "Uncle Drew", mit der es einen Film gab; er hat eine eigene Sneaker-Reihe.

Die Liga verhandelt nun mit der Spielergewerkschaft. Deren Vizepräsident heißt: Kyrie Irving

Es geht in dieser Angelegenheit um sehr viel mehr als nur darum, wie weit der Arbeitgeber ins Privatleben eines Angestellten eingreifen darf - es geht auch um Gerechtigkeit und, ja, sehr viel Geld. Das Föderalismus-Prinzip in den USA wird während der Pandemie so sichtbar wie kaum zuvor; es gibt ja genügend Bundesstaaten und damit Vereine, wo Irving ohne Einschränkungen spielen könnte. Die Liga verhandelt deshalb mit der Spielergewerkschaft, deren Vizepräsident Irving ist, über die Konsequenzen dieser Entscheidungen.

Irving, 29, unterschrieb 2019 einen Vier-Jahres-Vertrag in Brooklyn, der mit insgesamt 136,5 Millionen Dollar dotiert ist. Im Tarifvertrag heißt es, dass ein Spieler für jedes Spiel, das er "ohne vernünftigen Grund oder ordentliche Entschuldigung" verpasst, den entsprechenden Anteil des Gehalts abgezogen bekommt - in Irvings Fall sind das knapp 400 000 Dollar pro Partie. Wer also trägt nun die Verantwortung dafür, dass es so ist, wie es ist? Kriegt Irving zumindest Geld für die Spiele, die er nur deshalb verpasst, weil die Nets ihn nicht spielen lassen wollen? Oder bekommt er gar kein Geld, weil er sich eben nicht an die Regeln von New York hält, wo sich der Sitz seines Arbeitgebers befindet? Und wie sieht es mit Trainingseinheiten aus? Marks sagt, vielleicht auch mit Blick auf diese Fragen: "Wir müssen an Chemie und Gemeinschaftsgefühl arbeiten. Wir müssen Opfer bringen, um unser Ziel für diese Saison erreichen zu können: den Titel."

Die Nets sind bei den Buchmachern in Las Vegas noch immer die Favoriten auf den Titel (vor den Los Angeles Lakers, den Golden State Warriors und Titelverteidiger Milwaukee Bucks), denn zum einen ist es jederzeit möglich, dass sich die Regeln in New York ändern, zum anderen könnte sich Irving ja auch impfen lassen. "Wäre er geimpft, hätten wir diese Debatte nicht - das ist ziemlich klar", sagt Marks. Es ist nur so, dass sich Irving in der Rolle des Querdenkers gefällt. Im Dezember vergangenen Jahres säuberte er vor einer Partie das Spielfeld mit Weihrauch von böser Energie. 2018 sagt er in einem Interview mit der New York Times, dass er nicht wisse, ob die Erde wirklich rund sei: "Es macht Spaß, darüber nachzudenken. Natürlich war der Eindruck der Leute: ,Hey, du bist verrückt, so was zu denken.' Aber das zeigt doch genau, was es bedeutet, wenn man anders sein will."

Blieben nur ein Rauswurf (der die Nets viel Geld kosten würde, Irving könnte dann zu einem Konkurrenten wechseln) oder ein Tauschgeschäft mit einem anderen Verein - das erscheint aufgrund des Kaders der Nets allerdings unrealistisch. Es könnte auch sein, dass Irving, doch noch einwilligt. "Glaubt nicht, dass ich mich zurückziehen werde. Glaubt nicht, dass ich dieses Spiel für eine Impfpflicht aufgeben werde", machte Irving klar. "Ich tue das Beste für mich. Ich kenne die Konsequenzen und wenn das bedeutet, dass ich dafür verurteilt und verteufelt werde, dann ist das eben so."

Die nächste Entscheidung muss er nun selbst treffen. Und so weiter und so fort.

© SZ/sjo/schm/pps
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