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Kylian Mbappé:Kyky, der Prinz von Bondy

FC Bayern Munich v Paris Saint-Germain - UEFA Champions League Quarter Final: Leg One

Jubel in Pose - auch das hat sich Kylian Mbappé von seinem Vorbild Cristiano Ronaldo abgeschaut.

(Foto: Getty Images)

Der Doppel-Torschütze aus dem Hinspiel gegen die Bayern hat sich aus der Parallelwelt der Pariser Vorstadt nach oben gedribbelt. Er spielt auch deswegen bei PSG, weil er es in der Heimat schaffen wollte - aber wie lange noch?

Von Oliver Meiler

In den meisten Aufstiegsgeschichten aus dem Fußball, zumal in den märchenhaft schönen von ganz unten nach ganz oben, spielt der Ball eine zentrale, ja eine transzendentale Rolle. Der Ball ist alles auf den Bolzplätzen der Pariser Peripherie, in den Straßen von Sao Paulo und Lagos, in den windschiefen Hallen von Rosario: Spiel und Schule, im besten Fall Katapult.

Bei dem aus der Pariser Vorstadt Bondy stammenden Kylian Mbappé, 22 Jahre alt, Doppeltorschütze beim 3:2-Sieg von Paris Saint-Germain im Hinspiel gegen den FC Bayern im Viertelfinale der Champions League, war es ähnlich. Und doch ganz anders.

Auch in Bondy, einer dieser grauen Parallelwelten zur großen und hell leuchtenden Stadt jenseits der Ringstraße, des "Périph", spielen oft viel zu viele Kinder auf viel zu kleinem Raum. Um sich da durchzusetzen, muss man schon sehr gut sein am Ball, ihn vor allen Begehrlichkeiten schützen im Wettstreit mit tausend Beinen. 235 000 junge Männer aus den Pariser Banlieues spielen Fußball, mit Verbandslizenz, viele von ihnen sind Kinder und Enkel von Einwanderern. Fußball ist eine Verheißung, eine der wenigen.

Acht von 23 Spielern im Kader der französischen Auswahl, die 2018 Weltmeister wurde, kamen aus Pariser Vorstädten, unter anderem Paul Pogba, Blaise Matuidi, N'Golo Kanté und eben Kylian Mbappé. Jeder große europäische Verein schickt Scouts in die Banlieues, damit sie die Talente früh entdecken, auf eng bemessenen Plätzen. An der Fassade eines Wohnsilos in Bondy gibt es ein Graffito, mehrere Stockwerke hoch, das Mbappé in der Pose eines Rappers zeigt, das Trikot von PSG am Leib: "Bondy, Stadt der Möglichkeiten", steht darauf, mehr Losung als Slogan. Er verkörpert den Aufstieg jetzt geradezu idealtypisch.

Seine Eltern achteten auf eine kultivierte Erziehung. Dazu gehörten zwei Jahre Querflöte am Konservatorium

Es gibt Aufnahmen, die Kylian Mbappé als Kind zeigen, als "Kyky", wie er dribbelt und düpiert, alles wahnsinnig schnell. Da war die Spielessenz vom späteren KM7 schon da. Sein Kindheitsidol war Cristiano Ronaldo, der selbst kreierten Marke CR7, und auch das konnte man leicht erkennen: Er imitierte früh Tricks des Portugiesen, den Übersteiger vor allem.

Doch bei allen Klischees des wundersamen Aufstiegs dieses vielleicht gerade spektakulärsten Vertreters der Next Generation, des möglichen Anwärters auf den diesjährigen Ballon d'Or des besten Fußballers: Mbappé wuchs nicht nur mit dem Ball auf, seine Eltern sorgten dafür, dass er Lesegruppen und Museen besuchte. Zwei Jahre spielte er Querflöte am Konservatorium von Bondy, wie die Zeitung Libération neulich schrieb. Kultur war wichtig. Und das kultivierte Reden in der Öffentlichkeit.

Vater Wilfried Mbappé, mit Wurzeln in Kamerun, war Fußballer, regionale Ligen, und trainierte dann jahrelang Jugendteams in Bondy. Ein strenger Erzieher, wie man hört. Es sei ihm immer wichtig gewesen, höfliche junge Männer heranzuziehen, dann erst kam der Fußball. Kylian Mbappés Mutter, Fayza Lamari, algerische Wurzeln, war Handballerin bei AS Bondy, D1, höchste französische Liga. In der Erinnerung des Vereinspräsidenten war sie eine beispielhafte Kämpferin, aber leicht reizbar.

Beim Versuch, Mbappés Spiel zu deuten, landen die Analysten immer wieder bei den Eltern und deren Temperamenten. Der Sohn sagte einmal, er lasse sich von drei Tugenden leiten: "Respekt, Bescheidenheit, Hellsichtigkeit." Und: "Mir ist aufgefallen, dass die größten Stars und großartigsten Sportler auch die bescheidensten sind." Tatsächlich?

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