Abschied von Stefan Kuntz beim DFB:Gesucht: ein Nachfolger für den coolen Onkel

"Der deutscheste Türke oder türkischste Deutsche": Stefan Kuntz wird als Nationaltrainer in der Türkei vorgestellt, der DFB braucht einen Ersatz für seine U21 - gut möglich, dass ein verbandseigener Trainer befördert wird.

Von Christof Kneer

Für die Geschichtsschreibung wäre es natürlich wichtig zu wissen, ob es ein Schiff oder eine Bar war. Hansi Flick erzählt jedenfalls die Geschichte mit dem Schiff. Auf einem solchen hat er, seiner Erinnerung nach, zum ersten Mal mit Stefan Kuntz über ein mögliches Engagement als Trainer der deutschen U21-Auswahl gesprochen. In Flicks Version trafen sich die Europameister von 1996 (inkl. Kuntz) anlässlich des 20-jährigen Jubiläums ihres Titelgewinns auf einem Schiff in Frankreich, wo gerade die EM 2016 lief. Flick war noch Sportdirektor beim Verband und somit federführend bei der Suche nach einem Nachfolger für den guten, alten Horst Hrubesch, der als Trainer der wichtigsten Juniorenauswahl gerade aufgehört hatte.

Stefan Kuntz hat die Geschichte mit der Bar erzählt. In seiner Version saß er an einer Theke (selber Anlass, EM in Frankreich, Jubiläumsfeier Titelgewinn 1996) und plauderte mit Flick über Jugendfußball, und irgendwann sagte Flick, dass er einen Trainer für die U21 suche. In Kuntz' Version kommt dann noch ein Joggen am nächsten Morgen vor, es kommen ein paar Anrufe vor, und irgendwann waren sich die Männer einig.

Ja, fanden sie, das könnte doch eine gute Idee sein: Kuntz als Trainer der deutschen U21. Flick hat dann in seinem DFB ein wenig herumgehorcht, denn mutig war dieser Plan ja schon. Kuntz war damals bereits viele Jahre kein Trainer mehr gewesen, er hatte turbulente Jahre als Funktionär beim 1.FC Kaiserslautern hinter sich, und seine Trainermeriten: na ja, Waldhof Mannheim im Abstiegskampf der zweiten Liga, LR Ahlen. So was halt.

"Hier zu sein, ist so, als würde ich nach Hause zurückkehren", sagt Kuntz

Das wäre natürlich eine hübsches Pointe gewesen: wenn Flick als Bundestrainer nun eng mit dem U21-Trainer Kuntz zusammenarbeiten würde, den er mal auf dem Schiff oder an der Bar für den DFB gewonnen hat. Einmal, immerhin, haben sie schon über die Zusammenstellung ihrer Kader beraten, vor ein paar Wochen, es ging zum Beispiel darum, ob der junge Stürmer Karim Adeyemi bei Flick oder Kuntz besser aufgehoben wäre.

Aber es war das letzte Mal, dass die beiden dienstlich werden konnten. An diesem Montag hat der türkische Verband Stefan Kuntz, 58, erwartungsgemäß als neuen Nationaltrainer vorgestellt, und der DFB hat ihm im Verbandskommuniqué nur das Beste nachgerufen. "Für mich steht außer Frage, dass Stefan die Fähigkeit besitzt, Trainer einer A-Nationalmannschaft zu sein", sagt Verbandsdirektor Oliver Bierhoff, "und das kann er nun in der Türkei auf einer großen Bühne beweisen." Auf der mittelgroßen Bühne hat Kuntz dem DFB immerhin schon mal zwei U21-EM-Titel besorgt, 2017 und 2021, was in der Szene nicht verborgen geblieben ist. Schon im Sommer habe es "einen Austausch mit einem anderen Verband gegeben", sagte Kuntz am Montag, aber er habe die Olympia-Mannschaft vor den Spielen in Tokio "nicht im Stich lassen wollen". Nun aber wage er die Herausforderung, "eine A-Nationalmannschaft zu trainieren, in einem Land, in dem ich eine positive Vergangenheit habe, das hat mich total geflasht".

Noch hymnischer als der DFB über Kuntz redete am Montag nur Kuntz über seinen neuen Job. "Hier zu sein ist so, als würde ich nach Hause zurückkehren", sagte Kuntz bei seiner Vorstellung in Istanbul und bezog sich auf seine Zeit als Spieler bei Besiktas in den Neunzigerjahren. "Als ich meiner Familie jetzt zum ersten Mal von dem Angebot erzählt habe, sagten sie zu mir: ,Können wir auch in die Türkei kommen?'" Er wolle, sagte Kuntz, "der deutscheste Türke oder türkischste Deutsche werden".

Bei Kuntz sind solche Sätze mehr als die üblichen warmen Worte, die man zum Einstand gern dabei hat. Solche Sätze sind Teil seiner Trainerqualität. Kuntz ist kein Trainer, der taktische Revolutionen anzettelt, aber er verfügt über eine gewinnende Art, die gleichzeitig genügend Autorität ausstrahlt. Kuntz ist der Typ "cooler Onkel, der Bescheid weiß", eine moderne Version des guten, alten Horst Hrubesch.

U19-Trainer Hannes Wolf gilt als Kandidat für die Nachfolge

Kuntz wird sich nun ein passendes Trainerteam zusammenstellen, unter anderem sucht er einen Assistenten mit türkischen Wurzeln. Gehandelt wird etwa Kenan Kocak, Ex-Zweitliga-Coach aus Sandhausen und Hannover, aber dessen Tendenz geht offenbar dahin, es lieber noch mal als Chefcoach im deutschen Profifußball zu versuchen. Wer Kuntz beim DFB nachfolgt, ist offen, es gebe "mehrere Optionen", heißt es, man sei aber "schon sehr weit". Zwar ist Flick kein Sportdirektor mehr, aber er begreift seinen Bundestrainer-Job ziemlich umfassend und hat selbstverständlich sein Urteil abgegeben, wenn auch möglicherweise nicht auf einem Schiff.

Aus Flicks Sportdirektoren-Zeit stammt die Idee, die DFB-Juniorenteams mit Trainertypen nach dem Komplementär-Muster zu besetzen. Im Idealfall sollen ein Ex-Profi, ein sog. Jahrgangsspezialist und ein Vertreter der modernen Lehre gemeinsam ein Team coachen. Stilbildend galt das auch für die U21 mit Stefan Kuntz, Toni di Salvo und Daniel Niedzkowski, die beiden Letzteren würde der DFB gerne behalten, und Kuntz wird wohl darauf verzichten, sie dem Verband auszuspannen.

Fraglich ist, ob tatsächlich wieder ein Ex-Profi als Chef kommt, für den vorübergehend gehandelten Miroslav Klose ist der U21-Job aber offenbar keine Option. Zwar hat Flick auch schon mal mit der Idee gespielt, den guten, alten Hermann Gerland vielleicht als Mentor für Turniere zu gewinnen - als Kandidat fürs offizielle Trainerteam gilt er nicht. Womöglich könne es "ein gutes Signal nach innen" sein, einen hauseigenen Trainer zu befördern, heißt es nun beim DFB. Favorit wäre in diesem Fall wohl Hannes Wolf, aktueller U19-Coach im Verband und immerhin schon erprobt in der ersten Liga.

Bis 2024 hat Stefan Kuntz am Montag beim türkischen Verband unterschrieben, sein Vertrag gilt auch für die EM 2024 in Deutschland. Er könnte dort Hansi Flick wiedertreffen.

© SZ/mp/bek/tbr
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