Kunstrasen-Debatte:Umstrittenes Grün

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Die Europäische Union will artifizielle Plätze womöglich bald verbieten, um Mikroplastik zu vermeiden. Für den Amateursport könnte das weitreichende Folgen haben - es gibt aber Zweifel an der Studie.

Von Stefan Galler

Umwelt- und Klimaschutz dominieren die Nachrichten, was nicht ganz überraschend kommt, schließlich geht es darum, die Bedingungen auf diesem Planeten so zu bewahren, dass der Mensch auch in Zukunft auf ihm leben kann. Dabei werden mittlerweile viele Facetten hinterfragt, auch solche, die mitten hineinreichen in den Alltag. Etwa das die Umwelt belastende Mikroplastik. Weil dazu auch die winzigen Bällchen aus Gummigranulat gehören, die auf den bis zu 6000 Kunstrasenplätzen in Deutschland herumliegen und zum Teil von den Menschen unbeachtet an ihren Sportschuhen in die Welt getragen werden, ist zuletzt eine scharfe Debatte um diesen Füllstoff entbrannt.

Die Europäische Union will den Verkauf von Gummigranulat für Kunstrasenplätze womöglich ab 2022 verbieten, ein entsprechendes Gesetz ist in Vorbereitung. Das hätte drastische Konsequenzen für die Sportinfrastruktur in ganz Deutschland, weshalb sich Verbände und Politik in Brüssel für eine längere Übergangsfrist einsetzen. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), in dessen Zuständigkeit auch der Sport fällt, will sich im Fall eines Verbots für eine Umbauphase von sechs Jahren für bestehende Kunstrasenplätze stark machen. Seehofer erklärte jüngst in einem Interview, "für einen vernünftigen Ausgleich zwischen Umweltschutz und den berechtigten Interessen des Sports" eintreten zu wollen. Auslöser der Debatte war eine Studie des Fraunhofer Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen. In dieser heißt es, dass durch die Verwendung von Kunstrasen auf Sportballplätzen bis zu 11 000 Tonnen Mikroplastik jährlich in die Umwelt gelangten, der Ausstoß sei sieben Mal größer als der von Kosmetikprodukten.

Fussball Regionalliga West der 1 FC Kaan Marienborn 07 hat einen neuen Kunstrasen erhalten die a

Pflege per Traktor: Kunstrasen-Plätze benötigen eine andere Wartung als Rasenplätze.

(Foto: Rene Traut/Imago)

Die Nachricht erschütterte die Kunstrasenindustrie. Die Hersteller wehrten sich massiv gegen die Ergebnisse der Studie, bemühten das Argument, die Forschenden hätten die Bauweise der Kunstrasenplätze in Deutschland nicht hinreichend berücksichtigt. Bei den hiesigen Plätzen werde weniger Gummigranulat benötigt als anderswo.

Und auch Vertreter von Fußballvereinen, die Kunstrasenplätze vor allem wegen ihrer ganzjährigen Bespielbarkeit mittlerweile als unersetzlich ansehen, reagierten auf die neue Entwicklung. Beispielsweise Helmut Lämmermeier, Fußball-Abteilungsleiter beim SC Baldham-Vaterstetten, der sich in einem offenen Brief an die Europa-Abgeordnete Angelika Niebler (CSU) und an CSU-Generalsekretär Markus Blume wandte. Der Funktionär betonte die Notwendigkeit solcher Plätze in den Wintermonaten, schließlich habe beispielsweise sein Klub 42 Mannschaften im Spielbetrieb, davon 35 Jugendteams. Da gebe es zwischen November und März abseits des synthetischen Geläufs nicht ausreichend Kapazitäten.

Auch Lämmermeier bezeichnete die Beurteilung durch das Fraunhofer Institut als "schlichtweg falsch". Der führende Hersteller von Kunstrasenplätzen, die Firma Polytan, habe versichert, dass pro Jahr maximal etwa 250 Kilogramm Granulat auf modernen Kunstrasenplätzen nachbefüllt werden müssten, so der Baldhamer Spartenchef. Würde man diese 250 Kilogramm auf die in der Studie mit 4000 bezifferten Plätzen in Deutschland hochrechnen, dann ergäbe sich "ein Gesamtaustrag von 1000 Tonnen". Die Studie aber gebe ein Volumen von 11 000 Tonnen an. "Dies ist ein um den Faktor elf höherer Wert", so Lämmermeier. Die Erzeugung von Mikroplastik durch Autoreifen liege um den Faktor 100 höher, die Freisetzung durch den Abrieb von Schuhsohlen oder das Waschen von Textilien sei fünf- bis achtmal höher. Laut Spiegel räumt der Studienautor Jürgen Bertling vom Fraunhofer Institut in einem Brief an Industrievertreter ein, dass es Anhaltspunkte gebe, dass die in Deutschland dominierenden Kunstrasentypen tatsächlich deutlich geringere Emissionen aufweisen. Lämmermeier forderte die Politiker Niebler und Blume jedenfalls dazu auf, "die genaue Faktenlage zu verifizieren" und sich dafür einzusetzen, "dass es zu keinem Verbot von Kunststoffgranulat für Kunstrasenplätze kommt".

Kork könnte eine Alternative sein

Die Kunstrasendebatte bewegt die Gemüter, dabei könnte die Lösung des Problems womöglich ganz einfach sein, das zumindest vermittelt eine Nachfrage beim Fußball-Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth. Dort hat man 2013 einen Kunstrasen verlegt, der ohne das mittlerweile so umstrittene Gummigranulat auskommt. Stattdessen wurde damals Korkgranulat aufgeschüttet - mit großem Erfolg, wie der Fürther Medienverantwortliche Immanuel Kästlen betont: "Damals war diese Technologie noch am Anfang, aber mittlerweile können wir feststellen, dass es sich hier um ein tolles Produkt handelt", so Kästlen. Deshalb prüfe man derzeit sehr intensiv, ob man noch mehr Plätze auf diese Weise umrüstet. Die Mitarbeiter der Abteilung "Liegenschaften", in der bei den Fürthern Gärtner, Platzwarte und Greenkeeper zusammengefasst sind, hätten bestätigt, dass die Platzpflege "nicht aufwendiger" sei als bei einem herkömmlichen Kunstrasen", sagt Kästlen. Auch die Warnungen von Experten, Korkmaterialien seien schimmelanfällig, kann man am Ronhof nicht nachvollziehen: "Wir haben solche Erfahrungen nicht machen müssen." Ingenieur Oliver Krombach sieht die Sache etwas differenzierter. Er plant derzeit auf der Anlage des TSV Gräfelfing einen solchen Platz mit Korkgranulat: "Kork bindet Wasser stärker als Plastik. Deshalb ist er einerseits etwas frostanfälliger, aber andererseits in der Sommermonaten kühler und wassersparend", sagt der Experte. Um Schimmelbildung vorzubeugen müsse das Granulat alle zwei, drei Jahre ausgetauscht und auf die vorgeschriebenen Pflegehinweise geachtet werden. Beim TSV Gräfelfing, dessen Vorsitzender Christoph Göbel Landrat des Landkreises München ist, wollte man eine ökologische Lösung: "Wir haben das damals mit der Gemeinde und Bürgermeisterin Wüst abgestimmt, kurz bevor die öffentliche Diskussion über Plastikgranulat losgetreten wurde", sagt Krombach. Man habe sich am Platz des Deutschen Fußball Internats (DFI) in Bad Aibling orientiert, der wie jener in Fürth 2013 gebaut worden war. Das Korkgranulat sei etwa doppelt so teuer wie eine durchschnittliche Gummifüllung und etwa 1,5 Mal teurer als hochwertige Kunststoffkügelchen. Dafür sei es, teilt der Hersteller Domo Sportsgrass auf seiner Homepage mit, voll recyclefähig, geruchsneutral und bleibe um 30 Prozent kühler als ein Gummiplatz. "Am Anfang gab es Erfahrungswerte mit abfärbenden Korken, welche aber mittlerweile Geschichte sind", sagt Ingenieur Krombach. stga

Ein solches Verbot würde viele Vereine hart treffen, vor allem jene, die über gar keine "natürliche" Alternative zum Plastikplatz mehr verfügen. Bei der SpVgg 1906 Haidhausen zum Beispiel, dem Nachfolgeverein von Franz Beckenbauers Stammklub SC 1906 München, wird derzeit auch der Nebenplatz mit Kunstrasen ausgestattet, der Hauptplatz an der Eintrachtstraße in der Nähe des Nockherbergs ist sowieso schon seit Jahren synthetisch, wird aber momentan saniert. "Uns bringt dieser große Umbau an die Grenze der Belastung", sagt der 2. Vorstand Manfred Lohner. Zwar trage die Stadt München als Eigentümer der Sportanlage die Kosten, doch die Miete für Ausweichplätze und die gesamte Organisation müsste der Verein selbst finanzieren. Ähnlich wie der Baldhamer Kollege Lämmermeier ist auch Lohner über die neu aufkommende Diskussion nur mäßig begeistert: "Wenn ein Verbot kommt und wir in ein paar Jahren wieder umrüsten müssen, dann kann uns das in Existenzprobleme bringen", so der Funktionär.

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