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Kugelstoßen:Wie in Seife getaucht

Rio 2016 - Olympic Games 2016 Athletics, Track and Field

Die Brechstangen-Taktik hat nicht funktioniert: Christina Schwanitz erreicht beim Kugelstoßen nur Platz sechs.

(Foto: Diego Azubel/dpa)

Die Medaillenkandidatin Christina Schwanitz muss eine Menge Probleme bewältigen - zu viele für eine Medaille. Am Ende landet sie abgeschlagen auf Platz sechs. Doch Schwanitz fühlt sich bereit, es in Tokio noch einmal zu versuchen.

Von Saskia Aleythe, Rio de Janeiro

Bevor Christina Schwanitz die erste Kugel durch den Ring wuchtete, hatte sie schon einige Probleme bewältigt. Die Anreise zur Arena? Kompliziert. "Fährt überhaupt ein Bus, wenn ja, wo und wann? Das muss man mit brasilianischer Gelassenheit nehmen", sagte sie. Die Kleidung? Kompliziert. "Da gibt's Klamotten zum Einstoßen, für den Wettkampf, für die Mixed Zone. Damit muss man sich dann auch noch beschäftigen", sagte sie. Und dann auch noch das Wetter: Regen in Rio, na sowas! "Der hat mich überrascht. Die Kugeln hier sind alle neu. Ein Tropfen Regen, und sie rutschen weg wie in Seife getaucht. Darauf musste ich mich erstmal einstellen", sagte sie.

Schwanitz stellte sich ein, klar. Und dass sie am Abend nur Sechste wurde und es nicht aufs Treppchen schaffte, das hatte freilich wenig zu tun mit Regen am Vormittag, Klamotten oder Busfahrplänen. Beim ersten Versuch stieß sie 19,03 Meter, der Zweite sah nicht besser aus und so ging das Versuch für Versuch bis zum Schluss. Schwanitz sagte, sie habe es im Ring mit der Brechstange versucht und probiert, "das Wasser aus der Kugel zu drücken". Doch dass sie überhaupt in Rio starten würde, war vor ein paar Monaten noch gar nicht klar. Sie hat eine schwierige Saison hinter sich, die am Ende vielleicht zu schwierig war für eine Medaille.

Dauernd von Verletzungen zurückgeworfen

Ihr Weg zu den Olympischen Spielen war ein schmerzhafter und ein unsicherer. Im vergangenen Herbst wurde sie wegen chronischer Schmerzen im Knie operiert, die Patellasehne plagte sie schon länger. Als das überwunden war, tat es woanders weh: Im Januar fing das an mit ihrer rechten Schulter, die ihr immer öfter Probleme bereitete. Eine Sehne war entzündet, und es kam noch schlimmer: Bei einem Training riss sie ein. Schwanitz musste viele Wettkämpfe absagen, ausgerechnet im Olympiajahr. Als sie dann Mitte Juni in Kassel erneut Deutsche Meisterin wurde, sagte Schwanitz: "Vor acht Wochen habe ich gedacht: Ich werde in diesem Jahr nicht mehr Kugelstoßen."

Die Weltmeisterin von 2015 ist eine fröhliche, authentische Person, sie lacht oft, sie lacht laut. Sie sagt offen, wenn ihr Sachen nicht passen, wie etwa das Motivationsvideo, das der deutsche Leichtathletik-Verband für die Spiele vorbereitet hatte. "Unter aller Sau", war ihre Meinung dazu, "ich weiß nicht, warum man einer Leichtathletik-Mannschaft ein Fußball-Video zeigen muss". Als sie 2015 zur Sportlerin des Jahres gewählt wurde, sagte sie vor den Kameras, angespielt auf ihren Vorsprung bei ihrem WM-Sieg in Peking: "Ich bin wohl die einzige Frau, die sich über sieben Zentimeter freut".

Doch die Probleme mit der Schulter machten aus Christina Schwanitz ab und an eine nachdenklichere Person, sie konnte sich ja manchmal mit rechts kaum die Zähne putzen, Haare kämmen oder im Auto anschnallen. "Am meisten hat zuletzt mein Mann gelitten, weil ich sehr oft schlechte Laune hatte", sagte Schwanitz nach ihrem EM-Gold Anfang Juli in Amsterdam. "Weil ich nicht das machen konnte, was mir Spaß macht."

Dauerkonkurrentin Adams verliert Gold im letzten Versuch

Es waren nun die dritten Spiele von Christina Schwanitz, in Peking und London war sie dabei, wurde mal Elfte, mal Zehnte. Ihre Dauerkonkurrentin Valerie Adams schnappte sich beide Olympiasiege. Doch Schwanitz ist in den vergangenen Jahren immer näher an sie herangerückt, und überhaupt hat sie nun mit 30 Jahren andere Ambitionen gehabt als einen elften oder zehnten Platz. "Wenn man so viel träumt und so hoch greift, kommt der eine oder andere Druckmoment", schilderte Schwanitz nach dem Finale und erklärte: "Ich habe viel zu wenig Wettkämpfe gemacht, um mit dem Druck besser umgehen zu können. Ich war nicht auf den Punkt fit, ich konnte nicht mehr leisten. Vom Kopf her."

Sie habe gar kein Gefühl für die Kugel entwickeln können, "das hat sich nicht mal angefühlt wie ein ordentliches Angleiten. Auch die Tipps, die der Trainer mir gegeben hat, ich habe das verstanden, aber ich konnte es nicht umsetzen". Während Schwanitz Versuch für Versuch ungültig machte, weil sie schon sah, dass es nicht reichen würde für eine Verbesserung, wähnte sich Valerie Adams schon als Olympiasiegerin. Als Michelle Carter aus den USA im letzten Versuch noch 20,63 Meter weit stieß, war die Neuseeländerin geschlagen und konnte danach mit ihrem letzten Stoß nicht mehr kontern.

Vom Kopf her fühle sie sich durchaus bereit, auch in vier Jahren nochmal anzutreten, sagte Schwanitz kurz nach ihrer Niederlage, schob dann aber den Beisatz hinterher: "Mal sehen, ob das der Körper so mitmacht." Körper und Kopf, das ist so eine Sache bei Christina Schwanitz. Funktioniert das eine, macht manchmal das andere nicht mit.

© SZ vom 14.08.2016
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