bedeckt München

Kugelstoßen:Schön anstrengend

Christina Schwanitz LV 90 Erzgebirge Kugelstossen Frauen HALPLUS Werfertage 2019 in Halle am 01 06

„Die Schwanitz, mit der müssen wir wieder rechnen“: Die Kugelstoßerin bei ihrem gelungenen Saisoneinstand in Halle.

(Foto: Eckehard Schulz/imago)

Mutter, Studentin, Kugelstoßerin mit großen Ambitionen: Christina Schwanitz vereint mittlerweile drei Leben in einem - und findet, dass Mehrfachbelastung auch hilfreich sein kann.

Von Johannes Knuth, Halle

Das ist seit einer Weile ja immer die große Frage für die Kugelstoßerin Christina Schwanitz: mit Krümeln oder ohne? Ihre Zwillinge, die Krümel, wie Schwanitz sie nennt, sind jetzt fast zwei Jahre alt und damit endlich groß genug, die Wettkämpfe der Mutter vor Ort zu verfolgen (sehr zur Freude des kugelstoßbegeisterten Vaters), und Schwanitz redet sehr offen über diese Familienausflüge, so offen wie sie über das meiste andere auch referiert. Sie erzählt dann, ob die Kinder den Wettkampf schlafend verfolgt haben oder aufmerksam, wie es ihnen sonst so geht, ob sie zu Hause wohl gerade den Weihnachtsbaum auseinanderpflücken, wie Schwanitz im vergangenen Winter sinnierte. Meistens lacht sie nach jeder dieser Episoden, aus dem Resonanzraum eines 1,80 Meter großen, rund 100 Kilo schweren Körpers. Es ist ein sehr schepperndes Lachen.

Neulich, bei den Werfertagen in Halle, blieben die Krümel übrigens zu Hause. Es war Schwanitz' erster Wettkampf in dieser langen Freiluftsaison, die Ende September in eine WM in Doha mündet. Die Athletin vom LV 90 Erzgebirge hatte sich in der Vorbereitung noch "stark am Knie verletzt", statt 1000 Stößen hatte sie zuletzt 300 in den Knochen, viel zu wenig eigentlich. "Da habe ich vor dem Wettkampf ganz egoistisch gesagt: Ich möchte erst mal selber in meinen Leistungssport reinkommen", und das gelang ihr dann auch, mit sehr ordentlichen 19,23 Metern. "Die Schwanitz, mit der müssen wir wieder rechnen", diese Botschaft habe sie an die Konkurrenz absetzen wollen, sagte sie später. An diesem Donnerstag geht es erstmals gegen eben jene Mitbewerber, bei der Diamond League in Oslo. Und was danach kommt, sagte Schwanitz in Halle, "das hab' ich grad nicht im Kopf". Schepperndes Lachen. Sie hat neben dem Kugelstoßen und der Familie vor Kurzem auch noch ein Studium aufgenommen, Sozialpädagogik im ersten Semester, da könnte man fast meinen, dass alles so ein bisschen leidet, wenn man drei Leben in eines zwängen muss. Oder etwa nicht?

Schwanitz, 33, ist seit knapp zwei Jahren Mutter einer Tochter und eines Sohnes, und die ersten Monate nach der Geburt war sie erst mal beschäftigt, ihr Leben neu zu takten. Sie habe sich "klinisch fast tot" gefühlt, gezweifelt, ob sie weitermachen solle. Dann trainierte sie doch wieder, zunächst "aus purem Egoismus", wie sie damals sagte: "Ich wollte einfach wieder Zeit für mich haben, wieder ein Gefühl für meinen Körper bekommen." Nicht nur Mutter sein, sondern "Mama plus", wie sie es nannte. Was aber nur funktionierte, weil ihr alle entgegenkamen: der Kindergarten, der die Kinder abnahm, wenn es Schwanitz passte, die Bundeswehr, in der sie Sportsoldatin ist und die sie im Förderkader hielt, der Arbeitgeber des Mannes, der Physiotherapeut, ihr Trainer Sven Lang, der mit ihr halt dann trainierte, wenn die Kinder schliefen und Freunde auf sie aufpassten. "Es sind Gott sei Dank alle sehr flexibel und pro Leistungssport eingestellt", sagt Schwanitz heute, sie weiß, dass das für viele Mütter nicht so selbstverständlich ist: nach einer Schwangerschaft ins Berufsleben zurückzugleiten.

In Halle steht Sven Lang, ihr Trainer, er sagt: "Ich hätte vor zwei Jahren nie gedacht, muss ich ehrlich sagen, dass die mal ihr Leben so ordnen kann." Dann lacht er, scheppernd wie Schwanitz, nur ein paar Tonlagen tiefer. Er meint es anerkennend: "Sie macht das unwahrscheinlich professionell. Wenn sie die Halle betritt, dann ist sie voll mit dem Kopf beim Training." Und auch bei den deutschen Kugelstoßerinnen habe sie jetzt "vielleicht so ein bisschen die Mutterrolle" inne, sagt Lang, ehe er kernig lacht; er meint die nachrückenden Alina Kenzel, 21, und Sara Gambetta, 26, die bereits die Norm für Doha erfüllt haben.

Manche Sponsoren wollten sie während der Schwangerschaft nicht mehr fördern

Alles ist freilich nicht selbstverständlich, auch nicht für eine einstige Weltmeisterin, zweimalige Europameisterin und Sportlerin des Jahres. Neben dem Sold als Sportsoldatin hat sie auch ein paar Sponsoren, und einigen fiel während der Schwangerschaft auf einmal ein: "Oh, wir haben gerade leider wirtschaftliche Umdisponierungen. Da können wir dich nicht weiterfördern", erinnert sie sich. Da habe sie sich durchaus ähnlich gefühlt wie Allyson Felix und andere US-Athletinnen, die zuletzt berichtet hatten, wie ihr Ausrüster sie während der Mutterzeit hatten hängen lassen. "Und beim Kugelstoßen", sagt Schwanitz, "hat man jetzt ja nicht so die 50 Sponsoren, dass du sagst: Einer weniger, egal."

Aber wenn sie eine Lehre aus all dem gezogen habe, dann die, "dass ich wahrscheinlich zu spät Kinder bekommen habe". Sie habe erst jetzt verstanden, wie schön es sei, zwei oder auch drei Leben gleichzeitig zu führen, als Leistungssportlerin, Mutter und Studentin: "Vom ersten Mal Wegsein von den Kindern im Trainingslager, dann im Trainingslager mit Kindern, im Wettkampf ohne und mit Kindern - das sind ganz viele Facetten", sagt Schwanitz. Das sei hart, weil sie im Wettkampf auch nicht immer gleich vom Privaten Abstand nehmen könne - "aber auch sehr schön. Das hat mich als Mensch auch noch mal erzogen." Früher habe sie nach einem missglückten Training schon mal den Abend lang geschmollt. Heute sei sie "bis auf dem Weg nach Hause schmollend, und wenn ich dann meine Krümel sehe, dann ist das erst Mal ganz weit weg. Da lernt man ein bisschen mehr Abstand, was für den Sport gar nicht so schlecht ist."

Es ist noch mal eine andere Christina Schwanitz, die in dieses WM-Jahr zieht. Gelassener als früher, nach Rückschlägen, zwei schweren Knieoperationen und diversen nationalen und internationalen Weihen. Und doch angriffslustig, weil sie noch immer 19,50 Meter stoßen kann, mindestens, und zuletzt, bei der EM 2018 und der Hallen-EM 2019, den Titel jeweils um Zentimeter verpasste, was sie furchtbar ärgerte. Aber das gehört dazu. "Und grundsätzlich macht es mir noch immer mega Spaß", sagt sie, "das fetzt einfach. Deswegen quäle ich mich ja noch immer."

Das ist also noch so eine Lehre: dass die anstrengendste Zeit gleichzeitig die schönste sein kann.

© SZ vom 12.06.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite