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Kugelstoßen:Den Rekord im Gefühl

2020 U.S. Olympic Track & Field Team Trials - Day 1

Zweiter Rekord des Jahres: Bereits im Januar hatte Ryan Crouser den Hallen-Weltrekord von Barnes gebrochen.

(Foto: Andy Lyons/AFP)

Der Kugelstoßer Ryan Crouser bricht einen Weltrekord, der älter war als er selbst - um gleich 25 Zentimeter. Der US-Amerikaner gibt im Anschluss ein großes Versprechen.

Von Saskia Aleythe

Fliegen ist für Ryan Crouser mit Komplikationen verbunden. Jedes Mal, wenn der Kugelstoßer am Flughafen die Sicherheitsschleusen passiert, so hat er es mal der New York Times erzählt, ist eines schon klar: Die Tasche mit der mehr als sieben Kilogramm schweren Eisenkugel wird garantiert aus dem Verkehr gezogen. Was es noch schwieriger macht: Den Sicherheitskräften in aller Welt zu erklären, was Kugelstoßen eigentlich ist, so berühmt wie ein Sprinter wird man mit dem Gerät schließlich nicht. Aber immerhin kann Crouser jetzt noch ergänzen: Er ist der Weltrekordhalter. Gute Argumente als Arbeitsnachweis schaden nie.

Seine Kugel ist am Freitagabend bei den US-Trials in Eugene nach dem Einschlag gleich mal über die Begrenzung hinaus auf den Rasen geschossen, in den Highlight-Videos sieht man sie gar nicht mehr - nur noch die Marke im Sand, die sie hinterlassen hat. Und natürlich den Jubel, der sich wenig später ausbreitet. Crouser selbst hatte schon die Arme nach oben gerissen, als die Kugel noch unterwegs war. "Ich wusste, der war gut", sagte er. 23,37 Meter standen schließlich auf der Anzeigetafel, darunter der grün hinterlegte Hinweis "World Record". 25 Zentimeter weiter als der 31 Jahre alte Rekord von Randy Barnes aus dem Jahr 1990. Da war Crouser - Olympiasieger von Rio - noch gar nicht auf der Welt.

Sein Vorgänger, Randy Barnes, wurde positiv auf Steroide getestet

"Ich habe an diesen Moment gedacht, seit ich angefangen habe zu stoßen", sagte der 28-Jährige, in dem Hayward Field-Stadion im Bundesstaat Oregon hatte er schon als Fünftklässler gestanden und das Jubeln geübt, nach dem Weltrekord. Dass der bald reif sein würde, spürte Crouser schon in der Qualifikation, da flog die Kugel auf 22,92 Meter, sein zweitweitester Stoß jemals bis dahin. Und womöglich wird das jetzt wirklich sein Jahr, schon im Januar hatte er den Hallen-Weltrekord von Barnes gebrochen. Barnes, immer wieder Barnes - seine Rekorde gehörten zu den schmutzigsten der Leichtathletik.

Nach seinem Stoß auf 23,12 Meter im Jahr 1990 wurde Barnes positiv auf Steroide getestet, saß später zwei Mal eine Dopingsperre ab. Auch Vorgänger Ulf Timmermann war durch Verstrickungen in das DDR-Dopingsystem belastet, er selbst bestreitet den Konsum von Steroiden. "Der Sport hat sich seitdem verändert", sagte Crouser am Freitag in Eugene laut NBC, verbunden mit der sehr euphemistischen Formulierung: "Dopingkontrollen haben den Sport sauber gemacht." Es sei toll, so Crouser, "dass wir jetzt einen 100 Prozent sauberen Weltrekord im Kugelstoßen haben". Ein großes Versprechen, das da gemacht wurde.

Kovacs kündigt "Feuerwerke" für Tokio an

Ob die Leistung wirklich astrein war, wurde inzwischen auch wegen eines anderen Details bezweifelt. Der deutsche Bundestrainer Sven Lang monierte im Gespräch mit Sport1, dass Crousers Fuß wohl beim Abdruck die Ringgrenze übertreten habe, indem er die Oberkante berührte, was eigentlich ein Regelverstoß wäre. Wegen der hohen Geschwindigkeit, so Lang, sei dies aber schwer zu erkennen gewesen. Unabhängig davon hatte Crouser erklärt, der perfekte Stoß sei ihm noch gar nicht gelungen mit dieser Rekordweite, was dann auch die Ansage von Kollege Joe Kovacs unterstrich. Kovacs, amtierender Weltmeister von Doha 2019, kündigte schon mal "ein paar Feuerwerke" für die Olympischen Spiele in Tokio an. "Jedes Jahr reden wir davon, die Rekorde zu brechen", sagte er, "und ich denke, da werden noch welche kommen." Er selber kam am Freitag auf 22,34 Meter, deklassiert vom Kollegen.

Die Geschichte, wie Crouser auf seinen Badezimmerspiegel die Zahl 23,13 geschrieben hat, ist längst erzählt, und nicht der einzige Beleg dafür, wie eifrig er seinem Ziel nachgejagt hatte. Der letzte Wettbewerb, den er "nur" als Zweiter beendet hat, war bei der WM 2019 in Doha. Als er durch den Lockdown plötzlich nicht mehr auf seiner Anlage trainieren konnte, ging er am nächsten Tag in einen Baumarkt und zimmerte sich mit Sperrholzplatten einen eigenen Ring. Der habe ihn nicht mal 60 Dollar gekostet.

Eine große Last sei mit dem Weltrekord von ihm gefallen, erklärte Crouser. Manch anderer würde sagen: Die hat er sich gerade erst aufgebürdet.

© SZ/ebc
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