Biathlon Kühn rüttelt an der Biathlon-Ordnung

Johannes Kühn feiert seinen zweiten Platz im Biathlon-Einzel in Pokljuka.

(Foto: dpa)
  • Biathlet Johannes Kühn liegt beim Einzelrennen in Pokljuka nur 4,2 Sekunden hinter Sieger Martin Fourcade. Ein Sturz kostet ihn womöglich entscheidende Zeit.
  • Der 27-Jährige hadert hinterher aber nicht. Sein Auftritt zeigt vielmehr, dass er im deutschen Team eine tragende Rolle einnehmen kann.
Von Volker Kreisl

Als Johannes Kühn plötzlich im Schnee lag, wäre auch ein Schimpfwort denkbar gewesen, vielleicht sogar ein Wutausbruch. Der Mann aus Altötting hat eigentlich ein ausgeglichenes Gemüt, aber als ihm nun der Norweger Vetle Christiansen in die Quere gekommen und Kühn auf die Strecke gestürzt war, da hätte er für einen Moment die Fassung verlieren können. Denn Kühn war gerade vom ersten Schießen aufgebrochen, alle Scheiben hatte er getroffen, endlich mal. Kühn war also in bester Form, und nun lag er im Schnee.

Aber natürlich geht in diesen Sekunden alles viel zu schnell, um sich groß aufzuregen, auch Johannes Kühn ist schon lange genug dabei, um in jeder Lage professionell zu reagieren. Er rappelte sich also auf und setzte sein Rennen fort, das das Rennen seines bisherigen Biathletenlebens werden sollte.

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Null Fehler im ersten Schießen, null Fehler in den folgenden drei. Weder liegend noch stehend zielte er daneben. Kühn verrechnete sich weder mit dem Wind, noch mit dem eigenen Pulsschlag, noch vertat er sich beim gleichmäßigen Ein- und Ausatmen. Er nutzte die längere Konzentrationszeit aus, die im Einzelrennen wegen der langen Strecken zur Verfügung steht, und er ließ sich nicht von der Versuchung verführen, vor dem letzten von insgesamt 20 Schuss plötzlich über die irre Chance dieses Augenblicks nachzudenken. Das lässt dann wieder Zweifel aufploppen, wie am Nachmittag bei der zehntplatzierten Franziska Preuß (Haag), die im Frauen-Einzel beim letzten Schuss wohl den Sieg vergab. Die letzte Scheibe wird im Einzel besonders klein, aber Kühn traf auch sie.

Dass er dann nicht gewonnen hatte, sondern Zweiter wurde bei diesem Saisonauftakt in Pokljuka in Slowenien, lag daran, dass ihn Martin Fourcade, der französische Biathlon-Primus dieses Jahrzehnts, 4,2 Sekunden schneller war und noch abfing. 4,2 Sekunden - so viel Zeit geht locker durch einen Sturz verloren, Kühn hätte unter normalen Umständen also gewonnen, er blieb aber später gelassen und fokussiert wie bei seinen 20 Schüssen. Der Deutschen Presse-Agentur sagte er: "Es war ein Unfall. Er hat sich entschuldigt, alles okay." Thema erledigt also, nur nicht für das große Publikum, das sich fragt: Johannes Kühn, wer ist das?

Die deutsche Biathlon-Mannschaft, Abteilung Männer, schien in den vergangenen Jahren zu einem Quartett geschrumpft zu sein. Ob hinter den vier Musketieren Simon Schempp, Arnd Peiffer, Erik Lesser und Benedikt Doll, mittlerweile allesamt Weltmeister und Olympiamedaillengewinner, gleichrangiger Ersatz oder gar Nachfolger warten, erschien zuletzt immer unwahrscheinlicher. Die Jüngeren wie Philipp Horn, 24, Roman Rees, 25, oder David Zobel, 22, sind noch zu unerfahren. Und Johannes Kühn, der ehemalige Langläufer, war zwar immer sehr schnell, hatte aber diese hohe Schießfehlerquote, seine Auftritte in der ersten Biathlonklasse wurden immer seltener.

Kühn galt schon vor acht Jahren als große Verheißung

Angefangen hatte alles mit einem für diesen Sport gewöhnlichen Karriere-Einstieg. Die Spitzenbiathleten kommen ja oft gar nicht aus angestammten Milieus. Auch der zwölfjährige Kühn, der mit seiner Familie zum Langlauf-Urlaub im Chiemgau war, kam dazu nach dem Prinzip Zuschauen, Auch-Wollen, Ausprobieren. Er blieb dann dabei, entwickelte schnell seine Laufstärke, jedoch nicht im selben Tempo das Schießen. Dennoch zählte er schon vor acht Jahren zu den großen Verheißungen wie zum Beispiel auch Benedikt Doll, an dessen Seite er 2010 Junioren-Weltmeister mit der Staffel wurde.

Kühns Karriere schien den gewünschten Verlauf zu nehmen, weitere Juniorenerfolge sammelte er, aber dann, bei der Europameisterschaft 2013, stürzte er im Zielsprint und brach sich die rechte Schulter. Kühn arbeitete an seiner Rückkehr, erreichte Ende des Winters 2014/2015 Platz zehn im Weltcup, brach sich aber 2016 erneut die Schulter.

Dass Bundestrainer Mark Kirchner weiterhin an Kühns Karriere glaubte, lag wohl auch daran, dass der sich von allen Rückschlägen recht schnell erholte. Er gilt als lernfähig, als einer, der die Vorschläge des Trainers schnell und effektiv umsetzen kann, womit er nun möglicherweise die zweite Disziplin, das Schießen, auch sicher beherrscht. Ein Einzelrennen, mit der Minutenstrafe für einen Schießfehler, fast zu gewinnen, das schafft ein instabiler Schütze höchstens mit großem Glück.

Weil Kühn aber an seinem Erfolg schon zehn Jahre lang intensiv arbeitet, war dies wohl mehr als nur Glück. Und weil dem deutschen Top-Quartett, das naturgemäß altersbedingt immer öfter von Blessuren geschwächt sein wird (oder nun schon dadurch, dass plötzliche Heimreisen in den Kreißsaal anstehen und einer Vater wird, wie der Olympiasieger Arnd Peiffer dieser Tage) wird Johannes Kühn, der einst beim Urlaub im Chiemgau von der Biathlonkarriere träumte, womöglich endlich eine tragende Rolle spielen.

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