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Kroatien gegen Italien:Schandmal von Split

Alleged swastika sign on the pitch

Rasen der Schande: Offenbar mit chemischen Substanzen wurde beim 1:1 der Kroaten gegen Italien in Split ein Hakenkreuz in die Spielwiese gebrannt.

(Foto: dpa)

Die Partie ohne Fans gerät zur Nebensache, weil ein Hakenkreuz aufs Feld gesprüht wurde.

Es waren groteske Bilder: In der Halbzeit wurde hektisch die Wasseranlage angeschaltet, ein paar Ordner mit Eimern voller Sand versuchten, das Schandmal auf dem Rasen unsichtbar zu machen. Vergeblich, auch in der zweiten Hälfte des EM-Qualifikationsspiel zwischen Kroatien und Italien sahen die Fernsehzuschauer ein riesiges Hakenkreuz auf dem Spielfeld im Poljud-Stadion von Split. Das Ergebnis (1:1) im Spitzenspiel dieses Qualifikations-Wochenendes interessierte nach dem Abpfiff kaum jemanden. Die Begegnung fand vor leeren Rängen statt, weil kroatische Fans beim 5:1 gegen Norwegen im März wieder einmal mit ultranationalistischen Gesängen und einer Pyrotechnik-Orgie auffällig geworden waren. Und jetzt diese Eskalation in Split.

Wie ist es möglich, dass auf dem Rasen eines Stadions, in dem ein wichtiges EM-Qualifikationsspiel stattfindet, scheinbar unbemerkt ein Hakenkreuz auf den Rasen geschmiert werden kann? Dieser Frage geht die kroatische Polizei nach, bislang sind keine Täter ermittelt. Ein Sprecher des Kroatischen Fußballverbandes (HNS) erklärte, zwischen 24 und 48 Stunden vor dem Anpfiff sei ein chemischer Wirkstoff auf den Rasen gesprüht worden, damit das Nazi-Symbol während des Spiels zu sehen gewesen sei. In kroatischen Medien wird nun spekuliert, der Skandal könne die Mannschaft des Berliner Trainer-Brüderpaares Niko und Robert Kovac die EM-Teilnahme kosten. Wie die Uefa regieren wird, ist eine spannende Frage. Auf der Homepage des Kontinentalverbandes war im Spielbericht erst einmal kein Wort über das Hakenkreuz zu lesen. Auch ist die Frage erlaubt, warum das Spiel nicht abgesetzt wurde.

Nicht bloß ein Hooligan-Problem

Kroatiens Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic erklärte empört: "Wir haben ein ernsthaftes Problem mit Hooligans, deren Ziel es ist, nicht nur den kroatischen Fußballverband, sondern auch ganz Kroatien anzuschwärzen. Das müssen wird endlich beenden. Das Ansehen aller Kroaten wurde mit diesem Zwischenfall unermesslich beschädigt." Der HNS entschuldigte sich auf seiner Homepage für "die Schande für das ganze Land". HNS-Boss Davor Suker sagte, der Verband habe das Problem, dass die Fans die Regeln nicht respektierten. "Wir arbeiten daran, es zu lösen." Allerdings sind nationalistische Ausfälle im kroatischen Fußball seit Jahren Alltag. In den vergangenen sieben Jahren mussten der kroatische Fußball-Verband, Dinamo Zagreb, Hajduk Split und HNK Rijeka insgesamt 2,3 Millionen Euro Strafen wegen Fan-Vergehen zahlen.

Und nicht zuletzt fallen die Protagonisten immer wieder mit der Verbreitung von aggressiv nationalistischem Gedankengut aus der Rolle.

Im November 2013 wurde der ehemalige Bundesligaprofi Josip Simunic von der Fifa für zehn Pflichtspiele gesperrt. Nach der erfolgreichen WM-Qualifikation gegen Island schrie Simunic im Maksimir-Stadion von Zagreb in ein Mikrofon: "Za dom!". Viele Fans antworteten: "Spremni!" - "Za dom spremni" ("Für die Heimat bereit") war der Gruß der Ustascha - jener faschistischen Bewegung, die während des Zweiten Weltkriegs unter dem Schutz der deutschen Wehrmacht in Kroatien und Bosnien ein Terrorregime führte und Juden, Muslime und Serben in Vernichtungslagern umbrachte. Der Gruß ist in Kroatien verboten. Simunic verpasste deswegen die WM in Brasilien. Statt Simunic' Exzess zu brandmarken, erklärte HNS-Boss Davor Suker aber, Kroatien spiele die WM "zu Ehren von Joe Simunic". Suker selbst, 1998 WM-Torschützenkönig, besuchte 1996 das Grab des Ustascha-Führers Ante Pavelvic in Madrid und ließ sich lächelnd wie ein Wallfahrer am Grab des Kriegsverbrechers ablichten.

Am Rande der Spiele der kroatischen Nationalmannschaft sieht man häufig Menschen mit Ustascha-Utensilien. Als Kroatien 2013 in der WM-Qualifikation gegen Serbien spielte, skandierten Tausende im Makismir Stadion von Zagreb: "Killt die Serben." Während eines Freundschaftsspiels 2006 in Livorno gegen Italien stellten sich rund 200 Kroaten in ihrem Block so auf, dass sie ein Hakenkreuz bildeten. Und beim EM-Qualifikations-Hinspiel in Mailand 2014 skandierten kroatische Fans rassistische Parolen und feuerten Pyrotechnik ab.

Eine große Intrige gegen Davor Suker - oder gegen dessen Boss?

Eine Lesart ist, dass mächtige, und extremen kroatischem Nationalismus nahe Fanvereinigungen wie "Bad Blue Boys" (BBB) von Dinamo Zagreb oder "Torcida" von Hajduk Split mit Eklats bei Länderspieles versuchen, HNS-Verbandsboss Suker zu stürzen. Der ehemalige Profi von Real Madrid und 1860 München gilt als Marionette von Zdravko Mamic, dem Präsidenten des Serienmeisters Dinamo Zagreb, der mit seinem Clan das Sagen im kroatischen Fußball hat. Mamic ist auch Exekutivdirektor und Vizepräsident im HNS, er kontrolliert den Transfermarkt in Kroatien. In der letzten Dekade wechselten fast alle kommenden Stars vor ihrem Wechsel ins Ausland zu Dinamo oder entstammen der Dinamo Akademie. In dieser Zeit erlöste der Klub mehr als 150 Millionen Euro an Ablösegeldern. Nicht nur die Bad Blue Boys fragen, wo das Geld geblieben ist und nennen Mamic einen "Dieb". BBB boykottiert mittlerweile die Spiele von Dinamo, die - wie die meisten in der ersten Liga - nur noch vor ein paar hundert Zuschauern stattfinden.

Der Fußball in Kroatien ist von Spielmanipulations- und Bereicherungsvorwürfen, dubiosen Spielertransfers und mafiösen Strukturen geprägt. Vor allem in Split sieht man sich von der aus dalmatischer Sicht gewollten Vormachtstellung von Dinamo Zagreb benachteiligt. Als vergangenen November Fans von Hajduk Split der Zutritt zum Spiel bei Dinamo verwehrt wurde, kam es zum Eklat: Die Mannschaft von Hajduk trat nicht an. Danach demonstrierten in Split 20 000 Menschen "gegen die Ungerechtigkeit" im kroatischen Fußball und forderten den Rücktritt von Suker. Der lächelte derweil die Krise bei einem Benefizspiel in Thailand weg. Als Mitte April Nationaltrainer Niko Kovac mit einer Verbandsdelegation nach Split reiste, um organisatorische Dinge für das Italien-Spiel zu klären, wurden die Offiziellen aus Zagreb von Hajduk-Hooligans auf einer Autobahnraststätte attackiert. Durch Kroatien verläuft fußballpolitisch ein tiefer Riss.

© SZ vom 14.06.2015
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