Kroatien An den Strippen des Patrons

Der wegen Korruption verurteilte kroatische Funktionär Zdravko Mamic wurde auf der Flucht in Bosnien gefasst - nun müssen Spieler und Granden des Fußballgeschäfts zittern.

Von Thomas Kistner und Tobias Schächter

Bei der WM wollten sie endlich aus dem Schatten der goldenen Generation treten. Das ist ja der ewige Antrieb dieser kroatischen Auswahl um die angegrauten Stars Luka Modric, 32, Mario Mandzukic, 32, Ivan Rakitic, 30, Ivan Perisic, 29: Die stete Erinnerung an den epochalen Erfolg 1998, als Kroatien in Frankreich WM-Dritter wurde, ist eine Bürde und das aktuelle Turnier wohl die letzte Chance für Modric & Co., nicht als verlorene Generation in die Historie einzugehen. Bisher war die Hochbegabten-Auswahl an den Erwartungen eher geschrumpft statt gewachsen: 2010 in Südafrika fehlte sie; 2014 in Brasilien unter Niko Kovac, dem neuen Bayern-Trainer, überstand sie die Vorrunde nicht. Und bei der EM 2016 in Frankreich scheiterte Kroatien im Achtelfinale an Portugal.

Auch in Russland sieht es düster aus, wo Kroatien in Gruppe D auf Nigeria, Island und Argentinien trifft. Alles blickt in die Heimat, wo ein sportpolitischer Krimi abläuft, der auch die Stützen des Nationalteams berührt. Es geht um Zdravko Mamic, Fußballpate der Nation. Kurz vor der Abreise der Auswahl nach Russland war der langjährige Klubchef von Dinamo Zagreb und Verbands-Vize zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Das Gericht in Osijek, wohin das Verfahren auch eingedenk der politischen Vernetzungen Mamics in der Kapitale verlegt wurde, befand, dass der 58-Jährige mehr als 15 Millionen Euro bei Spielertransfers von Dinamo ins Ausland unterschlagen und rund 1,6 Millionen Steuern hinterzogen hat. Damit ging das erste von drei Verfahren über die Bühne; auch in den anstehenden geht es um Betrug, Untreue und Geldwäsche.

Mamic war vorbereitet. Vor Monaten hatte er die Staatsbürgerschaft von Bosnien-Herzegowina beantragt; von dort stammen die Eltern, dorthin setzte er sich am Montag ab. Am Mittwoch aber nahmen ihn die Behörden fest, auf Grundlage eines in Kroatien erlassenen internationalen Haftbefehls. Er werde sich gegen eine Auslieferung wehren, sagte Mamic im TV-Sender N1, er werde "nicht lebendig in ein kroatisches Gefängnis geschickt werden". Vermutet wird, dass er in Bosnien bald freikommt. Zwar läuft das Einbürgerungsverfahren noch, aber Bosnien gehört nicht zur EU und liefert Staatsbürger nicht aus.

Mamic müsste also dort bleiben. Eingerichtet hat er sich bereits im Örtchen Medjugorje, das wegen einer angeblichen Marienerscheinung zum Wallfahrtsort wurde. Mamic soll flott Katholik geworden sein - was damit kontrastiert, wie er nun potenzielle Mitwisser unter Druck setzt.

Davon gibt es eine Menge, sein Clan regierte den Fußball im Land über die vergangenen 15 Jahre. Mit ihm zu Haftstrafen verurteilt wurden auch ein Steuerbeamter sowie Mamics Bruder Zoran. Der war Sportdirektor und Trainer bei Dinamo und kickte einst in der Bundesliga.

Die Verurteilung des Patrons rückt vor Kroatiens WM-Auftakt am Samstag gegen Nigeria zwei Stars in den Fokus: Luka Modric (Real Madrid) und Abwehrchef Dejan Lovren (Liverpool), die sich jüngst im Champions-League-Finale gegenüberstanden. Im Mamic-Prozess wurden ihre Transfers von Dinamo ins Ausland beleuchtet. Modric wechselte 2008 für 21 Millionen Euro Ablöse zu Tottenham, Lovren 2010 für acht Millionen nach Lyon. Mamic schloss mit ihnen Privatverträge ab, nach denen 20 Prozent der Spielereinkünfte bis Karriereende an ihn gehen. Eruiert wurde im Prozess, ob diese Vereinbarungen mit den Spielern vor oder nach den Transfers geschlossen wurden.

Modric, auf dem Platz extrem passsicher, verdribbelte sich als Zeuge vor Gericht fundamental. Erst sagte er, die Vereinbarung sei nach dem Transfer unterschrieben worden. Monate später widerrief er: Der Vertrag sei vorher besiegelt worden. Das kostete den Nationalkapitän Sympathien zuhause. Und: Er hat jetzt eine Anklage wegen Falschaussage am Hals, die ihn ins Gefängnis bringen könnte. Auch gegen Lovren wird deshalb ermittelt: Als Mamic, der während des Prozesses seine Verteidiger feuerte, dem Gericht Unterlagen zu seiner Verteidigung vorlegte, waren darunter peinlicherweise Papiere, auf denen Anweisungen an Lovren standen, was dieser aussagen solle.

Die Ermittlungen und Prozesse werden sich Jahre hinziehen. Dabei hat Mamic die Richtung vorgegeben: Geht er unter, werde er viele Leute mitreißen. Drohbotschaften verpackt er gerne in Interviews - wie am Montag nach seiner Flucht, als er auf bosnischem Boden herbeigeeilten Journalisten seine "Enttäuschung" darüber darlegte, dass sein Zögling Modric nicht längst in Madrid eine Pressekonferenz gegeben und auf die Ungerechtigkeit verwiesen habe, die seinem Mentor widerfahre. Zudem spielt er die patriotische Karte: "Wie sollen Modric und Lovren ihre Stärke bei der WM zeigen, wenn sie sehen, was der Staat mit mir gemacht hat?"

Niemand darf sich sicher sein vor dem Patron des Balkan-Fußballs. Nicht mal an der Spitze des Fußball-Weltverbands Fifa. Mamic, dessen Vater einst mit dem Vater des früheren Starspielers Zvonimir Boban vertraut gewesen sein soll, führt den Namen des heutigen Vize-Generalsekretärs der Fifa auffallend oft im Munde. "Alle verurteilen mich", sagte er 2017 in kroatischen Medien, "aber was ist mit dem Transfer von Zvone Boban und den Kriegsprofiteuren von Dinamo?" Gemeint hatte er damit Bobans Mega-Transfer zum AC Mailand in den Neunzigerjahren.

Boban, enger Getreuer des Fifa-Chefs Gianni Infantino, hatte sich 2017 mit Familie aus der Heimat nach Zürich verabschiedet. In Kroatien waren seine Konten gesperrt, er hatte eine Strafe von 530 000 Euro aus einem Betrugsprozess mit einem Ex-Geschäftspartner nicht bezahlt. Boban bezeichnete dies als Privatsache, die mit der Fifa nichts zu tun habe. Seine Villa in Zagreb kaufte damals: Luka Modric.

Modric und Lovren schweigen; Modric hat aber schon erklärt, er werde seine Unschuld beweisen. Doch sein Ruf in Kroatien hat stark gelitten. Offen bleibt, wie die Auswahl das bei der WM wegstecken wird - und wie sich die Fans verhalten. Auch gegenüber dem Verbandsboss Davor Suker; der WM-Torschützenkönig 1998 gilt als Mamics Marionette. Bei der EM 2016 in Frankreich kam es zum Eklat, als Gegner des Mamic-Clans bei Kroatiens Spiel gegen Tschechien Feuerkörper abschossen und so fast den Spielabbruch erzwangen.