Krise beim Hamburger SV:"Wir können uns nicht immer blamieren"

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SG Dynamo Dresden - Hamburger SV

Nicht gerade entzückt vom Spiel: Hamburgs Rafael van der Vaart

(Foto: dpa)

Lustlosigkeit lässt sich immer noch steigern - das zeigen die Profis des Hamburger SV beim 0:4 im Benefiz-Kick gegen Dynamo Dresden. Der Trainer und der Sportchef warnen nun vor einer Pokal-Niederlage gegen den Fünftligisten Schott Jena und sogar der Bürgermeister der Hansestadt ist entsetzt.

Von Jörg Marwedel, Hamburg

Eines kann man den Hamburgern nicht absprechen: Sie helfen, wo sie können. Zum Beispiel am Mittwochabend, als der HSV zum Benefizspiel für die Flutopfer bei Dynamo Dresden angetreten ist. Sogar der hanseatische Bürgermeister Olaf Scholz saß unter den 15 762 Zuschauern in der Arena der Elbe-Partnerstadt. Am Ende kam eine ordentliche Summe zusammen. Doch das Oberhaupt der norddeutschen Metropole hat dann auch erlebt, wie schlimm es bestellt ist um Hamburgs sportliches Aushängeschild.

"Das war etwas zu viel der Freundschaft", sagte der SPD-Politiker nach dem Spiel, "ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was der Plan dahinter war - das muss mir erstmal einer erklären." 0:4 hat der Erstligist gegen die zweitklassigen Dresdner verloren - und von ein paar Freistößen abgesehen nicht eine Torchance herausgespielt.

Es war schon die vierte Niederlage in den letzten fünf Testspielen. Und wenn man dem neuen Manager Oliver Kreuzer glaubt, dann würde man mit so wenig Engagement am Sonntag selbst beim Fünftligisten Schott Jena verlieren, in der ersten Runde des DFB-Pokals, dem ersten Pflichtspiel der Saison 2013/2014. Die gerade wieder aufgeflammten Träume von der Europa League, die unter anderem der HSV-Vorsitzende Carl Edgar Jarchow munter ausplauderte, wirken angesichts solcher Darbietungen wie Hohn.

Seit 50 Tagen ist Oliver Kreuzer als Nachfolger des beurlaubten Frank Arnesen im Amt. Nach der nächsten schlechten Darbietung hat er bereits seine zweite Brandrede gegen die genügsame Mentalität der Mannschaft gehalten. Vermutlich weiß er selbst, wie schnell sich so etwas abnutzt. Anfang Juli hatte er nach dem 0:2 gegen Wacker Innsbruck und einem extrem lustlosen Kick gegen die Österreicher gesagt: "So etwas will ich nie wieder sehen!" Jetzt räumte Kreuzer ein, die Partie in Dresden habe das Negativ-Erlebnis "noch einmal getoppt".

Ein Auszug aus seiner Standpauke: "Das war eine Katastrophe. Dieser Auftritt war an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Das war keine Frage der Qualität, sondern der Mentalität und der Einstellung." Zudem, darauf wies er auch noch hin, habe der Gegner sein schweres Zweitligaspiel beim VfL Bochum (1:1) vom Montagabend noch in den Knochen gehabt.

Trainer Thorsten Fink hielt sich verbal mehr zurück als der Sportchef. Dafür strich er den freien Donnerstagvormittag und ließ die Profis nach einer Strafpredigt doch trainieren. Öffentlich sagte er nur: "Der HSV hat einen großen Namen. Wir können uns nicht immer blamieren." Doch was nützt ein großer Name, wenn nicht das Geld da ist, um das Team an entscheidenden Stellen zu verändern? Zumal das - angebliche - Bayern-Gen der früheren Bayern-Profis Fink und Kreuzer offenkundig nicht ausreicht, um dem Team einen neuen Charakter zu vermitteln.

Als die Niederlage richtig Fahrt aufnahm

Das Bittere war ja, dass die Niederlage in Dresden erst dann richtig Fahrt aufnahm, als nach einem 0:1 zur Pause die angeblichen Leistungsträger aufs Feld kamen, etwa Rafael van der Vaart, Milan Badelj, Maximilian Beister oder Stürmer Artjom Rudnevs, der in den Vorbereitungsspielen allerdings gerade mal einen Treffer zuwege brachte. Immerhin mehr, als der aus Basel geholte Sturm-Zugang Jacques Zoua.

Was nützt es da, wenn der oft kritische frühere HSV-Manager Günter Netzer das Führungsduo seines früheren Vereins für ein gutes Gespann hält, "das perfekt miteinander harmoniert". Das ist nicht nur nach seiner Ansicht so ziemlich das Gegenteil von dem, was die Führungsgremien des Klubs in den vergangenen Jahren oft vermittelt haben. Doch auch der emsige Kreuzer hat nicht geschafft, genügend Profis loszuwerden, deren Qualität angeblich nicht reicht für den HSV.

Zwar ist man den Zehn-Millionen-Flop Marcus Berg endlich an Panathinaikos Athen losgeworden und Jacopo Sala an Hellas Verona. Doch Robert Tesche, Michael Mancienne, Slobodan Rajkovic, Gojko Kacar und Paul Scharner stehen weiter auf der Gehaltsliste. Auch deshalb ist es nicht möglich, etwa den kroatischen "Top-Stürmer" (Kreuzer) Nikica Jelavic vom FC Everton zu bezahlen.

Zunehmend wird es darauf ankommen, dass der im vergangenen August für 13 Millionen Euro zurückgeholte van der Vaart endlich das abruft, was er in besseren Zeiten einmal konnte: Spielmacher und Torschütze zugleich zu sein. Doch auch bei ihm muss die Frage nach der Mentalität gestellt werden. Nach der Trennung von Ehefrau Sylvie werden über den mittlerweile 30 Jahre alten Niederländer immer noch mehr Geschichten auf den Gesellschaftsseiten der Zeitungen geschrieben als in den Sportteilen. Seine Schüsse aufs Tor und seine gefährlichen Pässe sind derzeit allzu schnell aufgezählt.

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