Süddeutsche Zeitung

Kricket-WM: Indien vs. Pakistan:Unter Erzfeinden

Vor dem politisch überhitzten WM-Duell versuchen sich Indien und Pakistan auf den Sport zu konzentrieren. Doch die schwierige Beziehung zwischen den beiden kricketverrückten Staaten macht aus dem Halbfinale mehr als nur ein Spiel.

Tobias Matern, Delhi

Falls ihr Team verlieren sollte, gibt es einen Becher Milch vor dem Schlafengehen. Sonst nichts. Eine Niederlage würde dem männlichen Teil der Familie Ansari wie Millionen Landsleuten schon schwer genug im Magen liegen. Falls ihre Mannschaft allerdings gewinnt, führen die vier Brüder ihre Frauen in ein feines Restaurant aus - so das Versprechen. Dass den Damen dann allerdings noch der Sinn nach einem gemütlichen Abend stehen wird, ist unwahrscheinlich. Die Schwestern kommen aus Pakistan. Sie leben mit ihren Männern in Indien, seit sie vor mehr als 20 Jahren alle vier in die Ansari-Familie eingeheiratet haben.

An diesem Mittwoch werden sich die Ehepartner nicht gemeinsam im Wohnzimmer das Halbfinale der Kricket-WM Indien gegen Pakistan ansehen. Zeitungen in beiden Ländern geben dem Match einen "epischen" Charakter und nennen es "die Mutter aller Spiele", ähnlich sehen es die Ansaris. Einer der Brüder hat einen extra Fernseher gekauft, damit die Damen in einem anderen Raum schauen können oder: müssen. Das hat Naeemullah Ansari im Gespräch mit der Times of India zur Notwendigkeit erklärt: "Wir würden uns sonst nur streiten."

Die Kricket-WM ist in diesem Teil der Welt mindestens so bedeutend wie eine Fußball-WM in Europa. Die Sportart, die dem Baseball ähnelt, entspricht in Südasien einem Lebensgefühl. Die Kinder spielen es auf der Wiese und in Hinterhöfen. Friseure vergessen ihre Arbeit, wenn sie über die Haltung der Schlagmänner räsonieren. Es gibt mehrere Sportkanäle in Indien, die nichts anderes als Kricket im Programm haben. Und die auf Hochglanz polierten Shopping-Malls in Delhi sind während der wichtigsten Spiele auffallend leer.

Indien gegen Pakistan, das ist, als träfe Deutschland im Fußball auf England - ohne die stabilen Beziehungen, die die europäischen Länder zueinander pflegen. Denn mehr noch auf politischer als auf sportlicher Ebene sind die Nachbarn Erzfeinde. Dabei waren Indien und Pakistan bis zum Abzug der Briten vom Subkontinent im Jahr 1947 ein Land. Es gab bei der Teilung blutige Geburtswehen, Hunderttausende Menschen starben.

In Pakistan entstand ein muslimischer Staat, der inzwischen von Terroristen an den Rand des Kollapses gebracht worden ist. Auf der anderen Seite der Grenze wächst Indien, das trotz aller Unzulänglichkeiten zu den großen Mächten aufschließt. Das Trauma der Geburtsstunde haben sie bis heute nicht überwunden, hinzu kommt der ungelöste Konflikt um die Region Kaschmir, das beide Seiten vollständig für sich beanspruchen.

Aber der Sport kann auch Feinde zumindest auf der Tribüne eines Stadions zusammenbringen. Das wird an diesem Mittwoch im nordindischen Mohali der Fall sein. Indiens Premierminister Manmohan Singh hat seinen Amtskollegen Jusuf Raza Gilani eingeladen, das Aufeinandertreffen der Männer auf dem Rasen gemeinsam zu verfolgen. Der pakistanische Regierungschef wird zum ersten Mal nach Indien reisen, seit Terroristen im Jahr 2008 in Mumbai 170 Menschen töteten. Die Angriffe waren von Pakistan aus geplant worden.

Fahrplan zum Frieden

Über einen Fahrplan zum Frieden reden die beiden ungleichen Nachbarn seitdem nicht mehr miteinander, auch wenn schon vor dem Spiel Diplomaten ausgelotet haben, ob der Dialog aufgenommen werden könnte. Die "Kricket-Diplomatie" kommt im richtigen Moment, um auf höchster Ebene Vertrauen aufzubauen. Auch wenn Gilani bemüht war, vor seiner Abreise deutlich zu machen, dass der Sport im Vordergrund stehen soll.

Der pakistanische Premier würde gern miterleben, wie die Nationalmannschaft um ihren Kapitän Shahid Khan Afridi den Indern auf heimischem Boden die schmerzhafteste Niederlage der jüngeren Geschichte zufügt. Dafür dürfe "kein Stein auf dem anderen bleiben", sagt er. Afridi sieht sein Land aber, genau wie die Buchmacher, in einer Außenseiterrolle. "Wir haben bislang über den Erwartungen gespielt", da ist er sich sicher. Natürlich sei ihm die Besonderheit dieses Matches bewusst, sagt er, aber es gehe ihm um den Sport, nicht um Politik: "Ich bin zuallererst ein Kricket-Spieler, erst dann ein Diplomat oder Botschafter oder wie man das auch nennen will."

Indiens Team ist stark wie lange nicht, es hat im Viertelfinale den WM-Seriensieger Australien ausgeschaltet. Pakistans Halbfinal-Teilnahme ist dagegen durchaus überraschend, weil das Team auf Spieler verzichten musste, die in einen Wettskandal verstrickt sind. Der pakistanische Innenminister Rehman Malik sorgte vor der Partie in diesem Zusammenhang noch für zusätzlichen Wirbel.

Die Nationalspieler stünden unter Beobachtung und ihre Telefone würden abgehört, damit sie nicht in Versuchung gerieten, sich von der Wettmafia bestechen zu lassen, ließ er wissen. Er hat damit die Wut seiner Landsleute auf sich gezogen. Die Menschen in dem gebeutelten Land blicken voller Hoffnung auf die verbliebenen Kricket-Helden.

In Indien würden nicht nur Millionen Fans den Einzug ins Finale gegen Sri Lanka oder Neuseeland feiern. Auch die Regierung in Neu-Delhi könnte durch Erfolge der Nationalmannschaft hoffen, dass ihre zahlreichen Korruptionsaffären in den Hintergrund geraten.

Die Ansari-Brüder, die das Spiel ohne ihre Ehefrauen anschauen werden, machen sich mit einer Statistik Mut. Indien hat bei einer Kricket-Weltmeisterschaft noch nie gegen Pakistan verloren. Wenn das so bleibt, werden sie an diesem Abend noch alle zusammen ein Mehrgänge-Menü verspeisen. Im anderen Fall bleibt nur: Milch.

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SZ vom 30.03.2011/jbe
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