Niko Kovac beim VfL Wolfsburg:"Stand jetzt" alles vage

Lesezeit: 3 min

Niko Kovac beim VfL Wolfsburg: Keine Tore, viel zu besprechen: Wolfsburg-Coach Niko Kovac (Mitte) und Maximilian Arnold mit dem Team um Referee Felix Zwayer.

Keine Tore, viel zu besprechen: Wolfsburg-Coach Niko Kovac (Mitte) und Maximilian Arnold mit dem Team um Referee Felix Zwayer.

(Foto: Christian Schroedter/Imago)

Niko Kovac legt einen ziemlich indifferenten Saisonstart als Wolfsburger Coach hin. Das Verhältnis zu Angreifer Max Kruse ist jetzt schon angespannt.

Von Thomas Hürner, Wolfsburg

Der Fußballtrainer Niko Kovac ist eher bekannt für Selbstbewusstsein als für Selbstironie, aber das heißt ja nicht, dass das immer so bleiben muss. Kovac, seit dieser Saison in Diensten des VfL Wolfsburg, war vielleicht selbst von sich überrascht, wie geistesgegenwärtig er in der vergangenen Woche eine Gelegenheit ergriff, die ihn kurz darauf als Internet-Meme in den sozialen Netzwerken durchstarten ließ. Denn als die Pressesprecherin des VfL auf einer Pressekonferenz die prognostizierte Zuschauerzahl für das Heimspiel gegen den FC Schalke 04 gerade mit dem einschränkenden Hinweis "Stand jetzt" versehen hatte, da grinste Kovac wie ein Lausbub, der gleich die Tafelkreide des Lehrers verstecken wird.

"Stand jetzt", zitierte Kovac die Pressesprecherin und freute sich weiterhin riesig, "das ist schon ein guter Spruch."

"Stand jetzt", das ist zumindest Kovacs wohl bekanntester Spruch, der 2018 eine gewisse Berühmtheit erlangte, als der Kroate seinen bevorstehenden Wechsel zum FC Bayern weder bejahen noch dementieren wollte. "Stand jetzt" war Kovac damals Trainer von Eintracht Frankfurt, was sich bekanntermaßen als Wasserstandsmeldung mit geringer Halbwertszeit herausstellte. Und der derzeitige Stand des Trainers Kovac in Wolfsburg? Das lässt sich auch nach dem 0:0 gegen Schalke am Samstag nicht wirklich sagen.

Drei Spiele, nur zwei Punkte - dennoch haben die keinen klassischen Fehlstart hingelegt

Zum einen liegt das natürlich daran, dass erst drei Spieltage vorüber sind und die aktuellen zwei Wolfsburger Punkte nur eine Zwischenbilanz darstellen, die in ein paar Wochen wieder obsolet sein dürfte. Das liegt aber auch an den bisherigen Gegnern, die wegen standortbedingter Besonderheiten das Bild verzerren: Bei Schalke und Werder (2:2 am ersten Spieltag) handelt es sich jeweils um hochmotivierte Aufsteiger, die nicht nur mit großer Euphorie in die Erstklassigkeit zurückgekehrt sind, sondern laut Kovac aufgrund ihrer Geschichte und Substanz im Kader ohnehin keine handelsüblichen Liganeulinge darstellen. Und der FC Bayern (0:2 in der Vorwoche), das weiß Kovac ja aus eigener Erfahrung, ist nun mal der FC Bayern.

In Wolfsburg hat Kovac, 50, nun eine Titelprämie im Vertrag, die eher aus formalen Gründen dort reingesetzt worden sein dürfte, so wie man halt eine Vollkaskoversicherung abschließt, wenn man sich einen Neuwagen kauft. Der Sportchef Jörg Schmadtke erhofft sich vom Trainer erst mal die Stabilisierung und Revitalisierung einer VfL-Mannschaft, die - nach zwei starken Jahren - in der Vorsaison auf Platz zwölf gestürzt war und mitunter den Eindruck machte, sie sei unheilbar vom typischen Werkself-Syndrom namens "Bequemlichkeit" betroffen.

Zumindest in diesem Punkt kann Kovac erste Teilerfolge vorweisen, denn die Spieler, die vor Kurzem noch schläfrig wirkten, liegen ligaweit nun in der Statistik der sogenannten "intensiven Läufe" vorn, und haben es in den Heimspielen nach Anfangsschwierigkeiten geschafft, sich aus der Bedrängnis in eine dominante Rolle hineinzubegeben. "Wir wurden aggressiver, schneller mit dem Ball", sagte der VfL-Mittelfeldmann Maximilian Arnold mit Blick auf die zweite Halbzeit gegen Schalke: "Ich finde, wir hätten das Spiel gewinnen müssen."

Max Kruse ist unter VfL-Trainer Kovac nur eine Teilzeitkraft

In der Tat hatten die Wolfsburger nach einer klaren Leistungssteigerung dann auch klare Torchancen - und vorher sogar das nötige Glück, als der Schalker Stürmer Simon Terodde einen Elfmeter mitsamt Wiederholungsschuss vergab. Da war mal wieder Verlass auf den VfL-Torwart Koen Casteels. Eine Lösung für das beharrliche Problem im Ballbesitzspiel hat der Trainer aber noch nicht gefunden. Arnold verteilt die Bälle vorzüglich, allerdings tut er das von seiner strategischen Position vor der Abwehr, wohingegen weiter vorne ein Kreativloch klafft, das theoretisch durch Offensivdribbler wie Omar Marmoush, Jakub Kaminski oder Maximilian Philipp geschlossen werden könnte - wenn sie nur jemanden hätten, der auf die nötigen Einfälle käme, um sie im vorderen Drittel in Szene zu setzen.

Dieser Spieler könnte Max Kruse sein, der gegen Schalke eine halbe Stunde als Einwechselspieler ran durfte und ein auffälliges Bäuchlein vor sich her trug, das die Elastizität des Trikots austestete. Die Bild berichtete kürzlich, Kruse könne in kürzester Zeit auf 300 Stundenkilometer beschleunigen, wenngleich zur Wahrheit gehört, dass der Angreifer dafür am Steuer eines 800-PS-Sportflitzers aus seinem Privatbesitz sitzen muss. Ein Vorzeigeathlet war Kruse, 34, noch nie, in Person von Kovac trifft er nun blöderweise auf einen Coach, der lauf- und kraftintensiven Pressing-Fußball sehen will. Man wird sehen, wie die beiden harmonieren, die Tendenz weist aber schon in eine klare Richtung: Sie harmonieren eher nicht so gut. Kovac monierte neulich Kruses lasches Engagement und wirkt genervt, wenn er auf die Kurzeinsätze des prominentesten VfL-Akteurs angesprochen wird.

"Stand jetzt" ist Kruse nur eine Teilzeitkraft in Wolfsburg. Ob er ein VfL-Spieler bleibt, wird die Zukunft zeigen.

Zur SZ-Startseite

Bremer 3:2 in Dortmund
:Das Werder-Wunder von Westfalen

Bis zur 89. Minute führt der BVB gegen Bremen mit 2:0 - dann schießt Werder noch drei Tore. So etwas hat es in der Bundesliga bisher noch nie gegeben, Trainer Ole Werner nennt den Spielverlauf "irrational".

Lesen Sie mehr zum Thema