Korruption:Verhaftungen nicht ausgeschlossen

Vor der IOC-Sitzung in Lima - Thomas Bach

Im Zeichen der Ringe: IOC-Präsident Thomas Bach (r.) beim Kongress in Peru mit einem Turner, der das olympische Logo auf dem Rücken trägt.

(Foto: Martin Mejia/dpa)

Die Liste der Vorwürfe ist lang: Freiwillige Helfer lehnen sich auf, Ticket-Skandale und auch sonst steht es schlecht um den Verband. Fahnder setzen IOC-Funktionäre vor einer Session in Lima weiter unter Druck.

Von Thomas Kistner, Lima/München

Nun dreht sich die olympische Korruptionsaffäre schon um mindestens drei Spiele-Vergaben - und langsam aber sicher nimmt sie Züge eines Hollywood-Streifens an. Schauplatz Peru: Dort tagt, vor der IOC-Session Mitte der Woche, bereits der Vorstand des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Und die Allianz internationaler Strafermittler hat sich für den Sitzungsmarathon in Lima ein paar beunruhigende Begleit-Operationen einfallen lassen.

Erst platzierten Bundesfahnder aus Brasilien und Frankreich ihre Großrazzia in Rio de Janeiro, am Standort der letzten Sommerspiele 2016 - direkt vor die Vollversammlung. Dann fütterten Brasiliens Behörden örtliche Medien mit Hinweisen auf eine enge Kooperation mit den Polizeikollegen in Peru. Hintergrund der ungewöhnlichen Strategie dürfte sein, mögliche Zugriffe in den Raum zu stellen. Nun können die Ermittler beobachten, wie sich angesichts dieses Szenarios eine Reihe von IOC-Mitgliedern verhält, die gerade erst in den Fokus ihrer Untersuchungen geraten sind.

Kriegt womöglich jemand kalte Füße - hat irgendwer die Reise nach Peru noch kurzfristig gecancelt?

Und falls ja, warum? Die Razzien am Dienstag in einer Pariser Stadtvilla sowie in zehn Büros und Privatdomizilen von Funktionären des brasilianischen Olympia-Komitees (COB) in Rio förderten bereits eine Flut an Dokumenten zutage - vorneweg beim langjährigen COB-Chef, Rio-2016-Organisator und IOC-Ehrenmitglied Carlos Arthur Nuzman. Nun reicht der Verdacht, an Wahlmanipulationen mitgewirkt zu haben, über Mitglieder aus Afrika hinaus. Wie die SZ aus kundigen Kreisen erfuhr, ziele die Untersuchung auch auf Funktionäre in Asien, Südamerika und Europa, namhafte Leute inklusive.

Die Rio-Volunteers wollen klagen: Sie arbeiteten gratis - und die Macher der Spiele kassierten ab

Derweil versucht das IOC, den Modus des gängigen Geschäftsbetriebes aufrecht zu halten. Die Session wird formal abnicken, was längst feststeht: Die Sommerspiele 2024 gehen an Paris, 2028 an Los Angeles. Doch von Belang sind andere Themen: Konflikte, die kaum offen debattiert werden dürften. Da ist die immer drängendere Frage, ob es nicht für die Winterspiele 2018 in Pyeongchang/ Südkorea eingedenk der Korea-Krise einen Alternativplan braucht.

Und da ist die Korruptions-Causa, die sich dramatisch auszuweiten beginnt. Schon jetzt ist eine größere Dimension erkennbar als beim Salt-Lake-City-Skandal zur Jahrtausendwende. Drei Spielevergaben stehen inzwischen unter Korruptionsverdacht: Sotschi 2014, Tokio 2020 - und eben Rio 2016 (SZ vom 09.09). Die Rio-Ermittlungen zielen zunehmend auf einen Besuch Nuzmans kurz vor der Spiele-Vergabe 2009 beim Konvent afrikanischer Olympiakomitees in Nigeria, an dem auch der heute inhaftierte Ex-Gouverneur Rios, Sergio Cabral, sowie der wegen des Verdachts auf Schmiergeldzahlungen per Haftbefehl gesuchte Unternehmer Arthur Soares teilnahmen. Derweil formiert sich im Land der letzten Spiele Widerstand in der Bevölkerung. Viele der 50 000 Olympia-Volunteers, also freiwillige Helfer, sind so enttäuscht über die Korruptionsenthüllungen und den Verdacht, dass Funktionäre und Spitzenpolitiker Schmiergeld in dreistelliger Millionenhöhe abgegriffen haben sollen, dass sie Klagen anstrengen wollen. Im Fernsehen legen Anwälte schon dar, dass Leuten, die über Monate kostenlos für Rio 2016 gearbeitet hätten, Entschädigung zustünde, wenn die Organisatoren abkassiert hätten. Die Fahnder registrieren, dass Funktionäre die neuesten Erkenntnisse nicht mehr "Gerüchte" nennen. Das IOC und sein Präsident Thomas Bach betonten erneut die Bereitschaft zur Kooperation mit den Behörden. Die dürfte zu passender Zeit unumgänglich sein; noch, so heißt es, gebe es kaum Austausch.

Und auch im IOC rumort es inzwischen. Richard Pound, als unbeliebter Querdenker bekannt, rügt im Nachrichtendienst AP die Untätigkeit des IOC: "Wir brauchen mehr Biss, wir kassieren Schlag auf Schlag vor den Augen der Welt, und es ist nichts zu sehen, was wir dagegen tun." Der kanadische Anwalt fordert auch, Nuzman müsse zur Abgabe der IOC-Ehrenmitgliedschaft gedrängt werden. Ein anderer Olympier hat das just in Lima ganz diskret getan hat: Der in den Ticketskandal von Rio 2016 verwickelte Patrick Hickey trat aus der IOC-Exekutive zurück. Warum jetzt erst? Der Ire war bei den Spielen verhaftet worden; sein Prozess soll im Herbst stattfinden.

Neben der Frage nach den Spiele-Vergaben irritiert die Ermittler offenbar auch eine Verbindung des IOC, die schon in der Affäre um den Fußball-Weltverband Fifa Fragen aufwarf: gute Drähte zu Interpol. Die Polizeiorganisation pflegt Datenbänke, koordiniert internationale Polizeiarbeit, sie gerät aber auch zunehmend selbst in die Kritik - wegen millionenschwerer Kooperationen mit Großkonzernen der Tabak- und Pharmaindustrie; zudem wächst der Eindruck, Interpol könne von autoritären Staaten missbraucht werden. Wie im Fall des deutsch-türkischen Schriftstellers Doğan Akhanlı, den Erdoğans Türkei via Interpol-Haftbefehl in Spanien festsetzen ließ und der erst auf Intervention des Auswärtigen Amtes frei kam. Bizarr wirkte Interpols Kooperationsvertrag mit der Fifa, den Ex-Boss Sepp Blatter 2011 bei Nacht und Nebel ausgedealt und mit 20 Millionen Euro versilbert hatte. Als 2015 das FBI Funktionäre der Fifa verhaftete, beendete Interpol die Liaison. Muss nun auch die Kooperation mit dem IOC neu bewertet werden?

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