Kopfverletzungen im Football Ein-Mann-Naturgewalten, die depressiv werden

Sein Fall stand am Anfang: Football-Profi Mike Webster von den Pittsburgh Steelers, hier im Jahr 1980.

(Foto: Getty Images Sport/Getty Images)

Ein Kinofilm belebt die Debatte über die Folgen von Kopfverletzungen im Football neu. Doch er verschweigt viele Wahrheiten - auf Druck der NFL.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es gibt Filme, bei denen sind die nicht veröffentlichten Szenen spannender als jene, die im Kino gezeigt werden; hin und wieder sind diese Aufnahmen später als sogenannte Outtakes zu bestaunen. "Concussion" (Erschütterung) ist so ein Werk. Die Fassung, die in den USA an zweiten Weihnachtsfeiertag in die Kinos kommt, ist eine Hommage an den Gerichtsmediziner Bennet Omalu - der hatte vor 13 Jahren den Footballspieler Mike Webster obduziert, einen Zusammenhang zwischen Kopfverletzungen und der degenerativen Nervenkrankheit CTE festgestellt und so für einen Skandal im US-Sport gesorgt. Der Film ist auch der Versuch des Schauspielers Will Smith, zum dritten Mal für einen Oscar nominiert zu werden, weshalb er zahlreiche dramatische und rührselige Momente enthält.

Für Menschen, die sich weniger für die Oscars als für Profisport begeistern, sind allerdings jene Szenen viel interessanter, die nicht zu sehen sind. Und: warum sie nicht zu sehen sind.

Es gibt E-Mails zwischen den Verantwortlichen der Produktionsfirma Sony Pictures aus dem vergangenen Jahr, die nach dem Hackerangriff gegen das Unternehmen auf dem Portal Wikileaks veröffentlicht worden sind. Die Absender deuten darin an, dass der Film nur ja nicht die nordamerikanische Profiliga NFL verärgern solle. Dwight Caines, verantwortlich für die Vermarktung in Nordamerika, schrieb etwa an seine Vorgesetzten: "Wir werden dafür sorgen, dass wir nicht in ein Wespennest treten."

In anderen E-Mails heißt es, dass "wenig schmeichelhafte Momente für die NFL" entfernt worden seien und dass dem Film "größtenteils der Biss" der ersten Drehbuchfassung genommen worden sei. Sonys Co-Chefin Amy Pascal schrieb gar an ihre Untergebenen: "Wir müssen uns einig sein, was wir uns erlauben können und was nicht." Kontroverse Filme, die auf wahren Begebenheiten basieren, seien stets riskante Angelegenheiten: "Doch nirgends ist das Gewässer so prekär wie in diesem Fall."

Pascals Sorge ist begründet: Die NFL ist kein Verband, sie ist ein unabhängiger Zusammenschluss der 32 Vereine und damit ihrer - oft auch in anderen Bereichen - überaus mächtigen Besitzer. Die beschützen ihr Produkt, und nichts anderes ist die NFL, wie grimmige Bodyguards. Sie wollen den schönen Schein wahren, dass es sich um nichts anderes als eine spektakuläre Sportart handelt. Und nicht um einen problematischen Teil der Unterhaltungsindustrie. Was in diesem Film deshalb nicht zu sehen ist: eine weitreichende Anklage gegen das Verhalten der NFL.

Natürlich kommt die Liga nicht besonders gut weg, aber auch nicht so schlecht, dass es sie wirklich stören müsste. Und schon gar nicht so schlecht, wie sie es verdient hätte. Ganz im Gegenteil: Der erste Trailer zum Film lief am amerikanischen Thanksgiving-Feiertag während der Partie zwischen den Philadelphia Eagles und den Detroit Lions. Auf SZ-Anfrage wollte sich die NFL nicht zum Inhalt des Films äußern, eine Mitarbeiterin verwies auf ein Statement, in dem es heißt: "Wir begrüßen jede Diskussion über die Sicherheit und die Gesundheit unserer Spieler. Die NFL hat im vergangenen Jahrzehnt knapp 40 Regeländerungen vorgenommen. Wir erleben nun signifikante Verbesserungen wie etwa einen Rückgang der Gehirnerschütterungen um 34 Prozent seit 2012." Übersetzt bedeutet das: Leute, die Sache mit Omalu und Webster ist doch schon lange her. Guckt mal, wie prima wir uns seitdem entwickelt haben!