Um 21.22 Uhr eines ereignisreichen Samstags in der Wintersportwelt meldete sich Johan Eliasch bei einem unbekannten Menschen. Zuvor hatte der Schweizer Skirennfahrer Marco Odermatt in Val d'Isère den Riesenslalom gewonnen, die Österreicherin Cornelia Hütter das Abfahrtsrennen in Beaver Creek, bei dem Lindsey Vonn ihr Comeback als Vorläuferin gab. Dass all diese Geschichten gerade in den Hintergrund rücken, gefällt dem Präsidenten des Ski- und Snowboard-Weltverbands (Fis) so gar nicht. Deshalb nun die E-Mail an einen internen Verteiler.
Die Frage, die momentan die Szene schwer beschäftigt, ist die: Wer trägt die Schuld daran, dass sich ein Gros der Athleten, die Nationalverbände, das Council der Fis sowie der Präsident nicht einfach mit schönen Bildern aus dem Schnee befassen können, sondern in einem Zwist stecken, der immer größere Dimensionen annimmt?
Für Eliasch ist die Antwort auf diese Frage spätestens seit Samstagnachmittag klar. Da erhielt er einen dritten Brief, signiert von Verena Stuffer und Leif Kristian Nestvold-Haugen, der Co-Vorsitzenden und einem Mitglied der Fis-Athletenkommission. Der Brief unterstellt dem Fis-Präsidenten schwerwiegende Verfehlungen: einerseits im Umgang mit dem Angebot der Private-Equity-Firma CVC. Andererseits werfen die Sportlerinnen und Sportler Eliasch vor, dass er sie nicht ernst nehme – und aus einer Doppelrolle heraus agiere, die manche als Gefahr für ihre Karrieren empfinden.
Eliasch ist noch immer nicht-geschäftsführender Direktor beim Skiausrüster Head
Sowohl der dritte Brief als auch ein Antwortschreiben, das Eliasch am Samstagabend per Mail an die Athleten und weitere Beteiligte schickte, liegen der SZ vor.
Dass die Athletinnen und Athleten Eliaschs rasche Ablehnung der 400-Millionen-Offerte von CVC kritisierten, ging bereits aus den ersten beiden Briefen hervor, die in der vergangenen Woche an die Öffentlichkeit geraten waren. 71 Rennfahrerinnen und Rennfahrer hatten den zweiten Brief signiert, der auch in den sozialen Medien veröffentlicht wurde – und der Eliasch zu einer Antwort brachte. Der Fis-Präsident erklärte öffentlich, die Athletinnen und Athleten seien „getäuscht“ worden: Er kenne viele von ihnen persönlich und habe in Gesprächen Irreführendes ausgeräumt. In einem Gespräch mit der Agentur APA behauptete Eliasch gar: „Einige Athleten haben vielleicht nichts Besseres zu tun, weil sie krank sind oder eine Verletzung haben.“
Die Replik erfolgte prompt. Eliasch habe impliziert, dass die Sportler „das Dokument, das sie unterzeichnet haben, nicht vollumfänglich verstanden hätten“, schreiben die Athletinnen und Athleten nun: Diese Unterstellung sei „nicht nur ungenau, sondern auch abwertend gegenüber der Professionalität der Athleten und ihrem Engagement für den Sport“. Die Athletinnen und Athleten, die sich in der vergangenen Woche auch in einem Online-Gespräch mit Vertretern von CVC zu einem detaillierten Austausch getroffen hatten, hätten „exakt“ verstanden, worum es gehe. Die abwertende Haltung des Fis-Präsidenten würde nur noch einmal betonen, wie „dringend und wichtig“ Reformen wären.

Exklusiv Ski-Weltverband Fis:Der falsche Präsident
Um seine Interessen durchzusetzen, greift Fis-Chef Johan Eliasch auch zu rabiaten Methoden. Nach einer offenbar unbegründeten Strafanzeige gegen einen Kontrahenten droht dem Ski-Weltverband eine Millionenklage. Und Eliaschs einst mächtigster Unterstützer fordert seinen Rücktritt.
Noch schwerer wiegen die Vorwürfe, die weiter unten im Brief zu finden sind. Man habe sich diesmal entschieden, keine Unterschriften von Athletinnen und Athleten unter den Brief zu setzen, die von der Skifirma Head ausgerüstet werden: „Um deren Identitäten zu schützen und ihr Verhältnis zum Anbieter (der Skiausrüstung, Anm. d. Red.) aufrechtzuerhalten“. Denn Eliasch habe als Fis-Präsident noch immer eine „entschlossene Führung“ bei Head inne. Dieser Ausrüster pflege eine „enge Kommunikation“ mit seinen Athletinnen und Athleten. Das habe nun schwere Folgen gehabt: „Mehrere Athleten, die in den ersten Briefen nicht erwähnt wurden, haben ihre Bedenken geäußert und zögern, an dem Vorhaben teilzunehmen, da sie um ihre Karrieren und mögliche Auswirkungen fürchten.“
Eliaschs Doppelrolle gilt in der Szene seit längerer Zeit als fragwürdig. Neben seiner Rolle als Fis-Präsident ist der Brite noch als nicht-geschäftsführender Direktor bei Head angestellt – jenem Konzern, den er zuvor jahrelang als CEO leitete. So kam es vor einem Jahr bereits zu einer fragwürdigen Konstellation, als die Fis angeblich aus der Not heraus sich von Head-Kleidung ausrüsten ließ. Auch hat Eliasch stets bestritten, dass er auf Athletinnen und Athleten Einfluss nehmen könnte, die von Head ausgerüstet werden. Auch diesmal widersprach er solchen Vorwürfen entschieden in seiner internen E-Mail vom Samstagabend. Die richtete er offenkundig bewusst an „den Autor dieses Briefes“ – und nicht an die Athleten, die ihn unterzeichnet hatten. Das passt zu Eliaschs fragwürdiger Erzählung, dass es derzeit im Hintergrund „Kräfte gibt, die versuchen, die Athleten zu stören und zu sabotieren“.
„Schwer zu begreifen“ sei nun jedenfalls dieser dritte Brief, schreibt Eliasch am Samstagabend, der gefüllt sei mit „unbegründeten Behauptungen“. Er habe „niemals Head-Athleten unter Druck gesetzt, davon abzusehen, solche Briefe zu unterschreiben“, noch habe er „irgendjemanden bedroht, die Unterstützung zu beenden“. Er habe stattdessen mit vielen Athletinnen und Athleten gesprochen, um „besser zu verstehen, warum sie so einen Brief unterzeichnet hätten“, auch wenn sie „vielleicht keinen Zugang zu allen relevanten Informationen“ hatten.
Der Athletenseite macht Eliasch stattdessen weitere Vorwürfe. Sie würden mit „Briefen dieser Art, unbegründeten Behauptungen und der Verbreitung von Falschinformationen“ die sogenannte „Fis-Familie“ beschädigen, heißt es in der Mail. Was von dieser Familie noch übrig ist – und ob die Athletinnen und Athleten Eliasch überhaupt noch als Teil der Familie oder gar als Oberhaupt ansehen – ist aktuell fraglicher denn je.

