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Kommentar:Zu klein für Feindschaften

Benedikt Warmbrunn

Die Boxställe Sauerland und Universum kooperieren. Weil ihr wichtigster Kampf jener um Glaubwürdigkeit ist.

Zumindest die Schläge mit der Faust hatten Wilfried Sauerland und Klaus-Peter Kohl immer ihren Athleten überlassen. Jahrelang haben die beiden Promoter mit ihren Teams das deutsche Boxen dominiert, und sie waren dabei leidenschaftliche Rivalen. Sie warben sich Sportdirektoren ab, der Legende nach aber auch Sekretärinnen, der eine wollte immer das, was der andere hatte. Ab und zu sollen sie zwar das eine oder andere gemeinsame Bier getrunken haben, aber wohl auch nur, weil beide Geschäftsleute waren, die der Maxime folgten, dass die Nähe zu Freunden wichtig ist, die zu den Feinden aber noch viel wichtiger.

Dass die beiden einflussreichsten Männer des deutschen Boxens aber einen Kampfabend gemeinsam veranstalteten, das gab es nur einmal, 1999, als Kohls Boxer Wladimir Klitschko Sauerlands Axel Schulz in die (vorübergehende) Rente klopfte. Danach aber machten beide Promoter wieder ihr Ding, mal gut, mal weniger gut, in späteren Jahren dann immer schädlicher für das deutsche Boxen. Und so ist das, was knapp zwei Jahrzehnte nach Klitschko vs. Schulz passiert, eine nicht zu unterschätzende Revolution. Universum, einst Kohls Team, veranstaltet einen Kampfabend mit Sauerland, das weiterhin von Sauerland geführt wird, wenn auch nicht mehr von Wilfried.

Wenn Abass Baraou (Sauerland) und Artem Harutyunyan (Universum), zwei der gegenwärtig besten Boxer des Landes, an diesem Samstag in Hamburg nacheinander in den Ring steigen, kämpfen sie nicht nur für den nächsten Sieg in ihrer jeweils makellosen Bilanz, sie kämpfen auch dafür, dass der Profiboxsport in Deutschland eine Zukunft jenseits der Nische haben soll. Und sie kämpfen gegen die Altlasten, die sich in all den Jahren aufgetürmt haben.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist der deutsche Markt überschwemmt worden mit hochgejubelten Boxern, die teilweise Weltmeister wurden gegen Gegner, die keinem Kirmesboxen gerecht geworden wären, dazu durch Punkturteile, hinter denen im besten Fall Ahnungslosigkeit steckte, im schlechtesten Fall Mauschelei. Das deutsche Boxen war geprägt von einer Gier, nach mehr Geld, aber auch danach, dem Rivalen möglichst wenig Raum zu lassen. Die nächste Generation, die Sauerland-Söhne Kalle und Nisse sowie der neue Universum-Chef Ismail Özen-Otto, müssen nicht als Geläuterte gesehen werden, das Profiboxen ist weiter eine zwielichtige Branche - aber sie haben verstanden, dass niemand gewinnen wird, wenn nicht alle gemeinsam einen Neuanfang wagen.

Das deutsche Profiboxen ist nach einem Jahrzehnt des Absturzes weit weg vom Scheinwerferlicht der großen Jahre. Klitschko kämpfte gegen Schulz in der damaligen Kölnarena vor 18 000 Zuschauern, hinzu kamen fast elf Millionen vor den Fernsehern; die Kämpfe am Samstag finden statt im "Work your Champ"-Gym vor ein paar hundert Zuschauern, der Nischensender Sport1 überträgt. Doch die Kooperation zeigt, dass die Macher erkannt haben, wie ernst die Lage ist. Sauerland, Universum und andere Boxteams setzen nicht auf Masse, sie setzen nicht darauf, irgendeinen Weltmeister zu haben. Sie fördern wenige, dafür häufiger wirklich talentierte Boxer. Der Weg zurück zu einem Millionenpublikum (und damit auch zu den Millionengewinnen) führt aber nur über die Glaubwürdigkeit. Daran arbeiten Sauerland und Universum, wenn sie auf gemeinsamen Veranstaltungen wieder auf ihren Kern achten: auf guten, fairen Sport. Es geht nicht darum, dem Rivalen wenig Raum zu lassen. Es geht darum, überhaupt noch einen Raum für den Boxsport zu finden.

Diese Einsicht kommt spät. Aber vielleicht kommt sie noch nicht zu spät.

© SZ vom 25.01.2020
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