Kommentar:Wie Manchester United den Frauenfußball entdeckt

General Views of UK Sporting Venues; United

2005 löste der Klub das Frauenteam auf, nun macht er den Fehler wieder gut.

(Foto: Getty Images)
  • Manchester United will ein Frauenteam etablieren und gründet das Team Manchester United Women.
  • 2005 löste der Klub die Mannschaft auf - heute wäre das gesellschaftlich inakzeptabel.
  • Dabei war England in Sachen Frauenfußball schon einmal sehr viel weiter.

Von Barbara Klimke

Was von Lily Parr in Erinnerung blieb, ist mehr als ihr strammer Schuss. Ein "Kick wie ein Maulesel" wurde ihr von einer Kollegin ehrfürchtig bescheinigt. Lily Parr spielte schon als 14-Jährige für die Dick Kerr's Ladies, eine 1917 in Nordengland gegründete, kurz behoste Werksmannschaft. In ihrer ersten Saison erzielte sie 43 Tore. Die Dick Kerr's Ladies traten gegen Männer und Frauen an, sie bestritten 1920 das erste Frauen-Fußballländerspiel, das sie 2:0 gegen Frankreich gewannen. In Liverpool zogen sie im selben Jahres eine Rekordkulisse von 53 000 Zuschauern an.

Diese wachsende Popularität versetzte Englands Football Association derart in Aufruhr, dass sie beschloss, den Spuk zu beenden. Sämtlichen Vereinen im Verband wurde für die nächsten 50 Jahre untersagt, den kickenden Frauen Plätze zur Verfügung zu stellen. Angeblich aus Sorge vor vermeintlichen Gesundheitsschäden; in Wahrheit aber, weil der feminine Kick and Rush zu einer ernsten Konkurrenz für die Männerligen geworden war.

Die Frauen machen ManUnited wieder gesellschaftsfähig

Aufschlussreich ist dieser kurze Rückpass in die Geschichte nicht nur, weil er illustriert, wie beschwerlich der Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz dieser Teamsportart im Vergleich zu anderen Disziplinen war. Als die Rasen-Trennung 1971 in England schließlich aufgehoben wurde, war das anfangs so robuste Pflänzchen des Frauenfußballs verdorrt.

Zudem widersprachen die vermeintlich fürsorglichen Argumente für den Bann auf frappierende Weise den Motiven, die 1917 zur Schaffung des Werksteams der Dick Kerr's Ladies geführt hatten. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden massenhaft Frauen in Munitionswerken angestellt, das war beim Lokomotivenhersteller Dick, Kerr & Co in Preston nicht anders: Der betriebliche Wettkampfsport, schon damals gut bezahlt, war anfangs dazu gedacht, das Arbeitsklima für die weiblichen Angestellten zu verbessern sowie Firmenrenommee und Unternehmenskultur zu steigern. Und daran, das ist das Erstaunliche, hat sich im Frauenfußball seit den Tagen der formidablen Lily Parr mit dem Maulesel-Kick so gut wie nichts geändert, wie die aktuelle Entwicklung aus Nordenglands Fußball-Business zeigt.

Dort hat Manchester United, Europas reichster Fußballverein, soeben eine Lizenz für ein Frauen-Profiteam erhalten. Wie der börsennotierte Klub in einer Mitteilung erklärt, soll die Abteilung in derselben Tradition stehen wie das Hauptunternehmen. Auf den Aktienpreis werde sich die Gründung nur gering auswirken, heißt es in einer Analyse des Branchendiensts Bloomberg, dazu seien etwa die Spielerinnengehälter im Vergleich zu den Millionärsgagen im Männerteam zu gering; aber durch die Manchester United Women mache der Klub nun einen eklatanten Wettbewerbsnachteil wett.

Denn United verfügte bis 2005 bereits über ein Frauenteam, jedoch wurde dieses nach dem Verkauf des Klubs an Investoren aufgelöst, weil es angeblich nicht mehr zum Kerngeschäft passte; nur die Mädchenmannschaften führte der Klub fort. Heute gilt eine solche Geschäftspolitik als gesellschaftlich inakzeptabel, zumal die besten europäischen Klubs auf Diversifikation gesetzt haben. Rivale Manchester City hat sein Frauenteam seit 2012 zu Pokal- und Meistertitel geführt; Chelseas Frauen spielten im Champions-League-Halbfinale; Arsenals Frauen füllen die Klubvitrinen mit 44 Trophäen. Zudem hat die FA nun den Ligabetrieb prestigeträchtig umgebaut. Auch um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass Englands Fußballfrauen im Fifa-Ranking jetzt Platz zwei hinter den USA belegen und an Deutschland vorbeigezogen sind.

In diesem Geschäftsumfeld muss sich Manchester United behaupten, um als Marke global attraktiv zu bleiben. Und nur ums Geschäft geht es - nicht um Frauenquoten. Das hat Lily Parr schon vor hundert Jahren erfahren.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB