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Kommentar:Weiter Weg in die Weltspitze

Die Richtung stimmt: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg.

(Foto: Loic Venance/AFP)

Den deutschen Fußballerinnen hat letztlich Klasse gefehlt. Immerhin bleibt ein Eindruck: Das Team agierte geschlossen, doch klar ist auch: Es wird dauern, bis sich der nächste Erfolg einstellt.

Von Anna Dreher

Spiele zu verlieren, gehört im Sport dazu, aber es gibt Niederlagen, die tun mehr weh als andere. Weil der Schmerz lange nachhallt. Dass die Nationalelf der Frauen bei der WM das Halbfinale verpasst hat, ist so eine Niederlage. Sie ist doppelt fatal, weil damit auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 verpasst worden ist. Nur die drei besten europäischen Teams der WM qualifizieren sich für Tokio. Das sind nun England, die Niederlande und Schweden.

Kurzfristig ist das Ausscheiden eine verpasste Chance, weil das Halbfinale in Lyon, mit TV-Übertragungen zur Primetime, geholfen hätte, die Popularität des Frauenfußballs weiter zu steigern. Das hätte auch den Vereinen geholfen - zu einem Zeitpunkt, da die Frauen-Bundesliga international den Anschluss zu verlieren droht. Langfristig ist das Aus ein Problem, weil nun bis zur EM 2021 in England eine solche Gelegenheit nicht wiederkommt. Die wichtigsten Spiele werden nun die der EM-Qualifikation gegen Montenegro, die Ukraine, Griechenland und Irland sein - keine Gegner auf jenem Niveau, das sich in Frankreich noch als zu hoch erwiesen hat. Sich konstant auf diesem Niveau zu messen, wäre wichtig, um dorthin zurückzukehren, wo die deutsche Mannschaft sich zugehörig fühlt: an die Weltspitze.

Dazu haben Klasse und Mut gefehlt. Gänzlich überzeugen konnte die DFB-Elf trotz ihrer vier Siege nie. Gegen andere Teams machten die Deutschen die Defizite mit ihrer kämpferischen Leistung wett - und steigerten sich spielerisch. Die Schwedinnen aber waren mit ihrer Erfahrung überlegen. Dass die Deutschen darüber noch nicht verfügen, war schon vor dem Turnier klar. Erst seit diesem Jahr trägt Martina Voss-Tecklenburg als Bundestrainerin die Verantwortung für Spielerinnen, die noch nicht lange gemeinsam einen Kader bilden.

Dass dennoch der Eindruck entstand, dass da ein geschlossenes Team auf dem Platz steht, das eine klare Spielidee vermittelt bekommt und seriös vorbereitet wird, unterscheidet das WM-Aus 2019 vom EM-Aus 2017 - damals ebenfalls im Viertelfinale unter der damaligen Trainerin Steffi Jones. Voss-Tecklenburg hat es geschafft, auch die jüngsten Spielerinnen zu integrieren; die 19 Jahre alte Giulia Gwinn ist das beste Beispiel.

Doch womöglich hat Voss-Tecklenburg überschätzt, wie weit man damit kommen kann. Die Achse aus erfahrenen Leistungsträgerinnen war am Ende nicht stark genug, um das gesamte Gebilde in die nächste Runde zu tragen. Die Defensive war, abgesehen von Torhüterin Almuth Schult, eine Schwachstelle, auch wenn es erst gegen Schweden die ersten Gegentore gab. Dass Deutschland sich auf seine Standards verlassen musste, um Tore zu schießen, zeigt, dass auch in der Offensive noch viel Arbeit wartet.

Martina Voss-Tecklenburg sieht sich und das Team in einem langfristigen Prozess, das hat sie früh betont. Nun sagte sie, weil ein Spiel verloren wurde, werde nicht alles infrage gestellt. Das muss es auch nicht. Die Nationalmannschaft ist grundsätzlich auf einem guten Weg. Zurück zur Weltspitze ist es aber noch weit.

© SZ vom 01.07.2019
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