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Kommentar:Verdächtige Regie

Lewis Hamilton dominiert, ist im Fernsehen aber nur selten zu sehen. Steckt dahinter ein sportpolitisches Motiv? Schon der Verdacht beschädigt die Formel 1.

Von René Hofmann

Bei der Fußball-EM 2012 löste eine Szene viel Aufregung aus. Die Szene zeigte Joachim Löw, den Trainer der deutschen Nationalmannschaft, wie er im wichtigen Spiel gegen die Niederlande einen Balljungen neckte. Die Bilder suggerierten: Ist der Mann aber locker, selbst in Momenten höchster Anspannung! Als später bekannt wurde, dass die Bilder aufgezeichnet und nur als Unterhaltungs-Moment in die Live-Übertragung eingefügt worden waren, standen sie aber schnell für etwas anderes. Sie lösten eine Diskussion aus: Wer führt bei Sport-Veranstaltungen eigentlich Regie? Und wie sehr kann das Publikum darauf vertrauen, dass die Übertragungen tatsächlich die Wirklichkeit zeigen?

Die Formel 1 hat an diesem Sonntag vorgeführt, wie aktuell diese Fragen immer noch sind. Und welche Gefahr besteht, wenn die Falschen an den Knöpfen sitzen. Beim Japan-Grand-Prix war Sieger Lewis Hamilton nicht wirklich oft im Bild. Ausführlich betrachten konnte ihn das Publikum nur in zwei Szenen: beim Start und bei der Fahrt ins Ziel. Dazwischen jagte Hamilton zwar unspektakulär voraus; so spektakulär, dass er aus gutem Grund komplett ausgeblendet wurde, war das Geschehen im Verfolgerfeld aber auch nicht. Ein Verdacht drängt sich deshalb auf: Der Boykott könnte sportpolitisch motiviert gewesen sein.

Alle Live-Bilder vom Rennverlauf werden von einer Firma produziert, an deren Spitze Bernie Ecclestone steht, der Vermarkter der ganzen Rennserie. Ecclestone ist machtbewusst und trickreich. Die Vermutung, dass er die TV-Regie nutzen könnte, um diejenigen zu ärgern, die ihn geärgert haben, liegt deshalb nahe. Der Eindruck war schon vor Jahren einmal aufgekommen, als das Force-India-Team zunächst einen Boykott des wegen der politischen Situation im Land umstrittenen Bahrain-Rennens erwog. Schließlich fuhr es doch, davon war aber kaum etwas zu sehen. Allein der Verdacht, dass es so laufen könnte, beschädigt das Vertrauen in die Darstellung und damit den Wert des Sports.

Mercedes hat jüngst eine Anfrage von Dietrich Mateschitz abgelehnt, seine zwei Teams Red Bull und Toro Rosso ab 2016 mit Motoren zu beliefern. Ohne die beiden Rennställe würde das Teilnehmerfeld, das Ecclestone den Rennstrecken und den TV-Stationen garantiert, empfindlich schrumpfen. Einen Grund, Mercedes einen mitzugeben, hätte er also gehabt. Teamchef Toto Wolff gab in Suzuka zu, sich über die Bildauswahl gewundert zu haben. Deutlicher wollte der Mercedes-Mächtige in seiner Kritik nicht werden. Team-Aufsichtsratschef Niki Lauda soll die Verwunderung in dieser Woche bei einem Treffen mit Ecclestone adressieren. Denn ohne TV-Präsenz sind all die schönen Siege für Mercedes viel weniger Wert.

© SZ vom 28.09.2015
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