Kommentar:Tschaikowskis Beharrungswille

TOKYO, JAPAN - JULY 27, 2021: ROC athletes Kliment Kolesnikov (L) and Yevgeny Rylov pose with their silver and gold meda

Nur im Herzen traurig: Die Russen Jewgeni Rylow (re.) und Kliment Kolesnikov freuen sich über Gold und Silber.

(Foto: Sergei Bobylev/Imago)

Russische Olympiasieger dürfen in Tokio ihre Hymne nicht hören - also feiern sie zu den Klängen des weltberühmten Komponisten. Eine tiefgründige Wahl.

Von Claudio Catuogno, Tokio

Pjotr Iljitsch Tschaikowski! Definitiv eine gute Wahl. Am Dienstag wurde das 1. Klavierkonzert des russischen Romantikers, Op. 23, b-Moll, zum ersten Mal auch in der Tokioter Schwimmhalle gespielt. Und man durfte festhalten: Alle Hoffnungen haben sich erfüllt. Jedenfalls alle Hoffnungen des Russischen Olympischen Komitees (ROC), das partout nicht damit leben wollte, seine Medaillengewinner - bloß wegen einer kleinen Staatsdoping-Affäre - bei diesen Spielen schon wieder mit der neutralen olympischen Hymne zu ehren. Und so standen also der Gold-Gewinner über 100 Meter Rücken, Jewgeni Rylow, und der Zweitplatzierte, Kliment Kolesnikow, auf dem Siegertreppchen - und es erklang: klassische Musik.

Nussknacker oder Dornröschen hätten auch gut gepasst - als Chiffre für das Anti-Doping-System

Gut, man hätte auch was aus dem Nussknacker oder aus Dornröschen nehmen können, Tschaikowskis berühmten Balletten, da wären einem schöne Analogien zur Gesamtsituation eingefallen. Die harte Nuss etwa, als die sich die ewige Affäre um die Manipulation von Daten aus dem russischen Kontrolllabor seit Jahren erweist - und bei der man nicht so recht weiß, ob nicht auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) ganz froh ist, wenn nicht mehr durch die Schale dringt als unbedingt nötig. Jedenfalls umtanzen die Funktionäre die Russen schon seit Jahren mit der harmlosen Anmut einer Ballerina. Und der hundertjährige Schlaf aus Dornröschen? Die perfekte Chiffre für das Anti-Doping-System. Aber das wäre alles die Symbolkategorie Holzhammer gewesen, wo der Pianist die Saiten doch bloß mit dem Hämmerchen anschlägt.

Das Klavierkonzert Nr. 1 - Klassik-Aficionados erkennen es sofort, Nicht-Aficionados müssen es kurz googeln - ist hingegen ein subtiler Hinweis auf den russischen Beharrungswillen! Als Tschaikowski das neue Werk 1874 seinem Lehrer Nikolai Rubinstein vorspielte, sagte der erst mal lange nichts, erinnerte sich der Komponist noch drei Jahre später in einem Brief an eine Mäzenin. Dann sei die Reaktion harsch ausgefallen: "wertlos", "völlig unspielbar", "bruchstückhaft, unzusammenhängend und armselig komponiert". Ein oder zwei Seiten seien es "vielleicht wert, gerettet zu werden; das Übrige müsse vernichtet oder völlig neu komponiert werden". Das ungefähr sagen Experten auch über jene Reformen, denen das ROC nach Auffliegen der geheimdienstlich orchestrierten Dopinggeschichte sein Kontrollprogramm unterzog. Weshalb zum Beispiel die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) vier Jahre Sperre forderte - und deutlich strengere Vorgaben bei der olympischen Kleider- und Hymnenneutralität.

Und Tschaikowski? Ließ alles, wie es war, arrangierte die Uraufführung - und wurde bald weltweit gefeiert! Eben. So geht's.

Statt der weiß-blau-roten Flagge jetzt also die weiß-blau-rote Flamme. Was ist das für ein Verbot

Nachdem das IOC im April den ROC-Antrag genehmigt hatte, anstelle der verbannten Nationalhymne in Tokio Tschaikowski zu spielen, bedankte sich Russlands Olympiachef geradezu hymnisch dafür, dass sein Land trotz der (vom Sportgericht auf zwei Jahr reduzierten) Strafe seine "Identität wahren" könne. Der Name Russland ist verboten, also treten die Athleten als Vertreter des "Russian Olympic Committee" an. Die weiß-blau-rote-Flagge ist verbannt, also tragen die Russen weiß-blau-rote Trainingsanzüge, und die Ersatzflagge zeigt eine weiß-blau-rote Flamme. Und nun auch noch Tschaikowski. Läuft.

Und die Sportler? Ja, "tief in deinem Herzen fühlst du dich traurig", sagte der Schwimmer Kliment Kolesnikov in Tokio. "Aber ich habe in diesem Moment nicht über Musik nachgedacht." Da sprach einer, der sehr genau weiß, dass die Verantwortlichen für die schiefen Klänge ganz woanders sitzen.

© SZ/lib/toe
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