Verdienstkreuz für Sepp Blatter:Wenn Tradition zur Farce wird

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Joseph Blatter

Bundesverdienstkreuz aus Tradition: Sepp Blatter bekam die Auszeichnung als Fifa-Chef 2006.

(Foto: AP)

Kaum einer verdient das Bundesverdienstkreuz weniger als der suspendierte Fifa-Chef Sepp Blatter. Bundespräsident Joachim Gauck sollte endlich handeln.

Kommentar von Klaus Ott

Die Regel 2.1.1 für die Vergabe eines Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ist eigentlich eindeutig, aber längst von der Wirklichkeit überholt. "Ein Anspruch auf die Verleihung eines Ordens besteht nicht", besagt die Vorschrift. Es fehlt der Zusatz: "Es sei denn, es handelt sich um den Präsidenten einer großen, globalen Sportorganisation, die ein Turnier in Deutschland veranstaltet."

1972 bekam der damalige Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Avery Brundage, anlässlich der Spiele in München einen Verdienstorden. 1974 war bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland Sir Stanley Rous an der Reihe, seinerzeit Chef des Weltverbandes Fifa. "In Fortsetzung dieser Tradition", sagt das Bundespräsidialamt, sei dann eben auch der heutige Fifa-Chef Sepp Blatter bei der WM 2006 ausgezeichnet worden.

Was für eine Tradition, was für eine Farce. Von den mehr als 20 000 Frauen und Männern, die in den vergangenen zehn Jahren einen Verdienstorden erhielten, kam kaum jemand weniger in Frage als Blatter. Seit seiner ersten Wahl zum Fifa-Chef im Jahr 1998 ist er von Korruptionsvorwürfen umrankt. Er hat die Schiebereien in seinem Verband beschönigt, statt aufzuräumen, weil er damit bei sich selber hätte anfangen müssen. Und vor der WM 2006 hat Blatter vor allem darauf geachtet, dass der Profit für die Fifa möglichst hoch ausfällt. Davon zeugen Streitereien zwischen dem Weltverband und den Deutschen.

Für Ordensvorschläge gibt es ein Formular des Bundespräsidialamtes. Darin steht, die "tadelsfreie Erfüllung von Dienstpflichten" oder eine ehrenamtliche Tätigkeit alleine genügen nicht. Solch ein Engagement müsse schon "mit großem persönlichen Einsatz unter Zurückstellung eigener Interessen längere Zeit ausgeübt" worden sein. Blatter hat nicht einmal seinen Job als Fifa-Chef tadelsfrei erfüllt, wie inzwischen dokumentiert ist. Das gilt nicht nur für das heimliche, in diesem Jahr aufgeflogene Zwei-Millionen-Franken-Salär für Michel Platini, den Chef der europäischen Fußball-Organisation Uefa. Die Ethik-Kommission der Fifa hat Blatter und Platini vorläufig suspendiert, eine lebenslange Sperre wird erwartet.

Gauck sollte endlich handeln und ein Verfahren einleiten

Erweise sich ein Träger des Verdienstkreuzes durch sein Verhalten der Auszeichnung unwürdig, so könne diese nachträglich entzogen werden, steht in Paragraf 4 der Ordensregeln. Das gilt insbesondere für das "Begehen einer entehrenden Straftat", aber eben nicht nur für diesen Umstand.

Blatter hätte das Verdienstkreuz erst gar nicht bekommen dürfen. Und so, wie er die Fifa bis zuletzt geführt hat, gibt es genügend Gründe, ihm den Orden nachträglich abzuerkennen. Bundespräsident Joachim Gauck sollte endlich handeln und ein Verfahren einleiten. Blatter das Verdienstkreuz länger zu belassen, hieße, es weiter zu entwerten. Das ginge zulasten der vielen tausend Menschen, die Wertvolles geleistet haben für die Gesellschaft und die zu Recht stolz sind auf ihre Orden.

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