Süddeutsche Zeitung

Kommentar:Tanzpartner gesucht

Bei der Suche nach einem neuen Trainer sieht sich der FC Bayern München mit einigen sehr unterschiedlichen Reaktionen und Taktiken konfrontiert.

Es soll sich fast so zugetragen haben wie im richtigen Leben. Eine Mischung aus Speeddating und Ball der einsamen Herzen. Hinzu kam eine Prise von "Bauer sucht Frau", als der FC Bayern jetzt mal wieder auf Brautschau ging. Das erste Ergebnis ist bekannt: Hansi Flick, 54, ist der neue Lebensabschnittspartner, er coacht an diesem Samstag auch das Topspiel der Münchner gegen Borussia Dortmund. Gewinnt er, wird Flick bleiben, dennoch ist die Beziehung nicht für die Ewigkeit angelegt. Parallel sucht der Rekordmeister einen frischen Galan, der ihn spätestens ab nächsten Sommer durch die Manege führt.

Es gab da einige wenige Stunden, in denen wurde ein gewisser Arsène Wenger als Favorit auf die Nachfolge von Niko Kovac gehandelt. Wenger ist ein Grandseigneur des Fußballs. Und im Nachhinein kommt einem der kurze Kontakt nun so vor wie ein missglückter Flirt im Café Keese. Dazu muss man wissen: In dem Berliner Tanzcafé standen Telefone auf mehr als hundert kleinen Tischen, jedes mit einer Nummer markiert. Ein Anruf barg naturgemäß ein hohes Risiko. Wer ihn nicht richtig vorbereitete, per Augenaufschlag oder sonst einem Signal, riskierte es, einen Korb zu bekommen: Herr ruft an. Darf ich bitten? Dame lehnt ab.

So war das, und Arsène Wenger war jung in jener Zeit, in der die Berliner ins Café Keese strömten. Doch diesen Anruf am Mittwoch bei Karl-Heinz Rummenigge (Handy? Tischtelefon?), den hätte er sich besser gespart. Nun gut, Wenger ist 70, der kurze Flirt war vielleicht doch die letzte Großchance in seinem Trainerleben. Aber selbst anzurufen, sich als Kovac-Nachfolger anzudienen, und dann einen Korb zu kassieren - nee, nee, lass mal, das wird nichts mit uns beiden! -, ist dann doch ein bisschen peinlich.

Zumal später diese Münchner Verlautbarung übermittelt wurde, entlarvend in ihrer Unverbindlichkeit: "Arsène Wenger hat Karl-Heinz Rummenigge am Mittwochnachmittag angerufen und grundsätzliches Interesse am Trainerjob beim FC Bayern signalisiert. Der FC Bayern schätzt seine Arbeit als Trainer bei Arsenal London sehr, aber er ist keine Option als Trainer beim FC Bayern München."

Das muss man erst mal sacken lassen. Schließlich hat Wenger Verdienste, auch wenn es mit dem FC Arsenal, mit dem er 22 Jahre lang verbandelt war, gegen Ende doch ein bisschen abwärtsging.

Wie es geschickter geht beim Speeddating am Trainermarkt, führten andere vor. Ob vom FC Bayern offiziell angefragt oder nicht, allerorts meldeten sich Kandidaten zu Wort: Der Thomas aus Paris ("Denke nicht eine Minute an einen anderen Klub"), der Erik aus Amsterdam ("Kann bestätigen, dass ich in dieser Saison bei Ajax bleibe") oder auch der Ralf aus Leipzig. Letzterer schaltete gar seinen Berater davor, um ausrichten zu lassen: "Nein, Ralf Rangnick steht nicht zur Verfügung." Thomas Tuchel und Erik ten Hag hingegen schwören ihren aktuellen Klubs die Treue, halten sich aber zugleich alle Optionen offen. So stärkt eine Absage geschickt den eigenen Marktwert. Sie wissen, dass sie es sich leisten können.

All dieses Werben, Zieren, Kokettieren findet in dem Bewusstsein statt, dass die beiden Begehrtesten nicht zu haben sind. Am Sonntag treffen Jürgen Klopp und Pep Guardiola mit Liverpool und Manchester City aufeinander. Der eine bespaßte bis 2015 Borussia Dortmund, der andere inspirierte bis 2016 den FC Bayern. Spannend wird es deshalb durchaus an diesem Wochenende, die Topspiele der englischen und deutschen Liga in ihrer Qualität zu vergleichen. Das Gefälle zu ergründen, das die Bundesliga derzeit trennt vom Spitzenniveau der Premier League. Und dabei darüber nachzudenken, was so alles schiefgelaufen ist, seit der Trennung von den beiden.

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SZ vom 09.11.2019
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