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Kommentar:Spur zum König

Der "Aderlass"-Prozess in München gibt neue Einblicke in die Praxis des Blutdopings. Dabei widerspricht der Ex-Profi Danilo Hondo einer zentralen Aussage des angeklagten Sportarztes - und widerlegt nebenbei erneut eine alte Mär des Spitzensports.

Von Johannes Knuth

Die schneidigen Manager, die heutzutage ganze Firmen auf Effizienz trimmen, hätten sicher ihre Freude an diesen beiden Haudegen gehabt. Wie die einstigen Radprofis Danilo Hondo und Alessandro Petacchi damals ihre Kräfte gebündelt haben sollen, das stand ja schon vorbildlich im Zeichen der Synergiegewinnung: Hondo soll den Italiener vor rund acht Jahren nicht nur an seinen damaligen Blutdoping-Arzt vermittelt haben, den Erfurter Mark Schmidt. Manchmal hockten die beiden sogar nebeneinander im Zimmer, wenn der Herr Doktor mit dem Infusionsbesteck anrückte. "Wenn man so ein enges Verhältnis hat, das fast brüderlich war, dann hat man kein Problem damit, dass man zusammen in einem Raum gedopt wird": So hat es Hondo zumindest jetzt vor dem Landgericht München geschildert, als er im Aderlass-Verfahren ausgesagt hat.

Der größte deutsche Dopingprozess der jüngeren Historie ist in all den Corona-Wirren zuletzt fast ein wenig in der Vergessenheit versunken. Hondos Auftritt war somit ein guter Anlass, die Erzählfäden aufzugreifen, die das Verfahren in seinen ersten knapp zwei Monaten bislang gesponnen hat. Und dabei erinnerte der gebürtige Cottbuser auch daran, dass der Betrug nicht bloß an den Rändern wurzelt, wie es der Sport gerne suggeriert; bei all den Helfern und Mittelklasseprofis also, die auch das Gros der bekannten Kundenkartei des Doktor Schmidt ausmachten.

Hondos Aussagen glichen zunächst noch einmal einem Sprint durch die bisherigen Erkenntnisse des Prozesses: Er habe Schmidt 2011 kennengelernt, rund um die Nationalmannschaft, dann sei er in die übliche Spirale gestolpert: Der Arzt habe geraunt, gedopt werde doch überall; Hondo dachte an all die Gerüchte und auch an Momente, in denen er sich gefragt habe, wie das eigentlich gehe: "Wenn so ein Fabian Cancellara 50 Kilometer vor dem Ziel losfährt und hinten kommen die anderen acht Besten der Welt nicht mehr hinterher?" Hondo biss schließlich an, er legte sich "James Bond" als Tarnnamen zu - er habe damals halt gern diese Agentenfilme geschaut. Schmidt führte im Herbst und Winter drei, vier Mal Blut ab, dann führte er Hondo das angereicherte Blut vor großen Rennen wieder zu, unter anderem vor der Tour de France 2012. Aber Hondo fand, dass ihm die Eingriffe mehr schadeten als nutzten, nach der Saison bestellte er die Dienste wieder ab. Rund 25 000 Euro habe er für ein Jahr berappt, sagte er - das widersprach Schmidts bisheriger Angabe, wonach dieser lediglich kostendeckend gearbeitet und pro Athlet maximal 5000 Euro verlangt habe - pro Saison.

Ebenso interessant waren Hondos Ausführungen zu Petacchi. Der war immerhin "der ehemalige König des italienischen Sprints", wie der Corriere della Sera zuletzt erinnerte. 48 Etappen gewann er allein bei den großen drei Landesrundfahrten, einmal das Grüne Trikot bei der Tour de France. 2008 war er bereits für zehn Monate gesperrt gewesen: eine Überdosis des Asthmamittels Salbutamol. Später habe er Petacchi dann an Schmidt vermittelt, bestätigte Hondo nun; der Altmeister habe noch mal glänzen wollen im Herbst seiner Karriere. Da half Hondo, mittlerweile Petacchis treuer Anfahrer beim Team Lampre, natürlich gern. Interessant dabei ist auch, dass Petacchi strikt bestreitet, von Schmidt jemals behandelt worden zu sein. Der Rad-Weltverband UCI hat den Italiener trotzdem bereits für zwei Jahre gesperrt und sich dabei auf die - offenbar stichhaltigen - Beweise aus den Aderlass-Akten gestützt. Das wirft freilich nicht nur viele Schatten ins Damals, sondern auch ins Jetzt: Was war in den Jahren zwischen Petacchis Sperren? Danach? Heute?

Hondo kann über all das mittlerweile freier reden, er ist raus aus der Szene, seinen Job als Schweizer Nationaltrainer hat er im Vorjahr verloren. Das System habe sich gewandelt, beteuerte er jetzt: "Ganz viele Entwicklungen und Erfolge sind ohne Doping möglich"; viele Teamärzte nähmen heute etwa eine passivere, professionellere Rolle ein. Aber: Der Druck, die Leistungen immer weiter zu erhöhen, bleibe immens, nicht nur um Radsport. Und wenn er sehe, wie etwa das holländische Jumbo-Visma-Team in diesem Jahr die Rundfahrten dominiere, dann verstehe er jeden, den Zweifel befallen. Er glaube sogar, dass sich einige Athleten im Stillen gerade ihre Gedanken machen: Und zwar dahingehend, "dass das sicherlich nicht nur an der besseren Trainingsstrategie oder den Fortbildungen der Mechaniker und Physiotherapeuten liegen kann". Fast so, wie der einstige Blutdoper Danilo Hondo damals ins Grübeln gekommen war.

© SZ vom 12.11.2020
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