Kommentar Schweigen aus Kalkül

Viele Gründe werden genannt, warum der eine oder andere Minister aus Berlin nicht in Rio vorbeischauen kann. So zielen die enttäuschten Sportler wohl nicht ins Leere, wenn sie die Absage der Politprominenz auch als Ausweichmanöver vor der Sportkrise interpretieren.

Von Thomas Kistner

Zwei Jahre ist es erst her, da war Rio fest in deutscher Hand. Die Fußballer bejubelten den WM-Titel; Joachim Gauck und Angela Merkel führten das diplomatische Feiercorps an. Die Kanzlerin war für die WM gleich zweimal angereist. Und auch der für Sport zuständige Innenminister Thomas de Maizière schaute bei Jogis Herzbuben vorbei.

In Rio rackern nicht 23, sondern 449 deutsche Athleten. Ihre Einkünfte beziehen sie nicht aus dem übersättigten Profigeschäft, sondern vor allem vom Staat. Aus Fördergeldern, die der Innenminister verteilt; oder bei Polizei, Grenzschutz, Bundeswehr. Viele dieser 449 Athleten fühlen sich in Rio allein gelassen. Nicht wegen des Protokolls; es geht um die Geste, um ein paar klare Worte. Für die Deutschen ist es ja recht ungemütlich bei diesen Spielen, die durch die Russland-Politik des Internationalen Olympischen Komitees in Turbulenzen geraten sind. Die hat ein Mann zu verantworten, der gefühlt immer noch als Oberhaupt der deutschen Olympiafahrer gilt: Thomas Bach.

Die Sportnation müsste auf Veränderung drängen - aber den Olymp regiert ein Deutscher

Das gibt der Zurückhaltung in Berlin einen Beigeschmack. Merkel lässt mitteilen, sie habe Olympia nie besucht. Sie schicke den Medaillensiegern persönliche Glückwunschschreiben. De Maizière und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatten ebenfalls erklärt, nicht nach Rio zu reisen. Der Innenminister ist mit der Sicherheitspolitik, auf die er verweist, gewiss ausgelastet. Trotzdem wäre ein Ministerwort - in Rio, zu diesen Spielen - angebracht. So zielen die enttäuschten Sportler wohl nicht ins Leere, wenn sie die Absage der Politprominenz auch als Ausweichmanöver vor der gegenwärtigen Sportkrise interpretieren.

Zwei Erklärungen bieten sich für diese Abkehr an: Kleinmut, weil es in Rio anfangs wenig Glanz gab und manchen Fehlschlag. Das wäre schäbig, schon deshalb drängt sich die andere Erklärung auf: Berlin will das Chaos nicht begutachten müssen, das diese Spiele aufgewühlt hat. Man will Bachs Weltsportpolitik nicht kommentieren. Das Unbehagen, eine deutsch-deutsche Debatte dieser Art führen zu müssen, die in Rio unausweichlich wäre, könnte die kollektive Absenz erklären.

Die nötige Debatte verschiebt das nur. Der Problemkomplex bleibt ja nun - er knüpft direkt an die freihändige Dopingpolitik des IOC an. Wenn deutsche Funktionäre in erfolgsarmen Zeiten mit der Sauberkeit ihrer Sportler argumentieren, heißt das ja nur, dass es anderswo nicht so sei. Stimmt, und es ist schlimmer. Rio zeigt, dass in manchen Ländern systemischer Betrug verbreitet ist. Die Russland-Affäre flog nur dank einer kühnen Whistleblowerin auf (die dafür von den Spielen verbannt wurde). Was von China bis Aserbaidschan, Kenia bis Brasilien läuft, lässt sich immer besser erahnen, genau wissen will man es schon gar nicht mehr.

In Deutschland erfordert das eine Grundsatzdebatte. Ergibt es in einer Welt aus Spritzen und Ampullen Sinn, weiter Steuergelder in einen Gegensport aus sauberen Mitläufern zu pumpen? Medaillen waren stets die politische Vorgabe; mitdopen kann keine Option sein. Da bliebe nur, mit allem Einfluss, den eine der größten Sportnationen besitzt, auf profunde Veränderungen zu drängen. Nicht bei Fechtern und Schwimmern - in der Chefetage der globalen Muskelmesse.

Doch der banale Sachverhalt, dass den Olymp ein Deutscher regiert, dürfte dagegenstehen. Eher ist zu erwarten, dass Berlin Solidaradressen an Bachs IOC richtet (man sei überzeugt, das IOC werde sich den Herausforderungen stellen; etwas in der Art). Dabei ist die Wahrheit: Dieses IOC kämpft gar nicht für einen sauberen Sport. Es täuscht ihn vor. Hinter den Problemen von Rio steht auch ein großes deutsches Dilemma.