Kommentar:Schädliche Stille

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IAAF - Day in the Life - USA; Salazar

Alberto Salazar (links) und Pete Julian (Archivbild von 2013).

(Foto: Doug Pensinger/Getty Images)

Nun gerät auch Konstanze Klosterhalfens Trainer im umstrittenen Nike-Projekt unter Druck. Das Schweigen der Athleten wäre ein fatales Signal.

Von Johannes Knuth

Eines war ihnen bis zuletzt immer sehr wichtig gewesen im Umfeld von Konstanze Klosterhalfen: dass die 22-Jährige zu allen Fragen Stellung bezog, die ihre Mitgliedschaft im hochumstrittenen Nike Oregon Project betrafen. Und das stimmte durchaus, auch wenn sich die Repliken meist auf denselben sparsamen Nenner bringen ließen: Klosterhalfen habe nichts mit Alberto Salazar zu tun, dem mittlerweile gesperrten Chefcoach der mittlerweile abgewickelten Lauffabrik; sie trainiere bei Salazars langjährigem Vertrauten Pete Julian, der sie zuletzt zur Bronzemedaille über 5000 Meter bei der Leichtathletik-WM in Doha lenkte. Und Julians Trainingsgruppe sei sowieso die allerbeste der Welt.

Das alles wirkte schon damals, nun ja, originell. Julian hatte sich seit 2012 im NOP zum leitenden Trainer hochgedient, in einer Zeit also, aus der die schweren Vorwürfe stammen, die jüngst zu Salazars vierjähriger Sperre führten. So wirklich glaubhaft wirkte das ja nie: dass der Guru, der das Projekt fast 20 Jahre mit jeder Faser verkörperte, in dieser Zeit die Grenzen des Erlaubten ausreizte und teilweise überschritt, während ein Vertrauter nebenher eine völlig konträre Leistungskultur aufgezogen haben soll.

Jetzt hat der Strudel Klosterhalfens Trainer mit voller Wucht erfasst. Julian, sagte Salazars ehemalige Läuferin Mary Cain der Zeitschrift Sports Illustrated, sei oft dabei gewesen und nicht eingeschritten, wenn Salazar sich abfällig über ihr Gewicht äußerte, was Cain letztlich in schwere gesundheitliche Probleme (und 2015 zum NOP-Ausstieg) getrieben habe. Sie glaube von daher nicht, sagte die 23-Jährige, dass Julian befähigt sei, künftig Athleten zu betreuen: "Du musst als Trainer eine Führungsperson sein. Wenn du nicht dazwischen gehst, wenn ein Athlet in Schwierigkeiten ist oder leidet - wie soll das funktionieren?" Julian entgegnete, er würde manche Dinge anders machen, könnte er die Zeit zurückspulen. Er habe hinter den Kulissen aber auch versucht, Cain zu schützen, er habe sogar Befehle von Salazar abgeschwächt. Das habe Cain wohl nicht bemerkt. Ach so?

Vor drei Wochen hatte Julian in den digitalen Netzwerken noch gedichtet: "Ich bereue nicht eine Minute meiner Zeit im NOP, da ist nicht ein Zweifel. Ich schicke Alberto und seiner Familie viel Liebe!" Damals waren Cains Vorwürfe noch nicht publik. Aber so richtig zusammen passt das ja nicht: Wenn Julian einst die Athleten vor dem wütenden Chef schützte, weshalb hegte er bis vor Kurzem "nicht einen Zweifel" an dessen Firmenkultur?

Julian hatte zuletzt verkündet, er werde seine bisherige Trainingsgruppe auch ins Olympiajahr 2020 führen, auch Klosterhalfen. Deren Management wollte sich am Donnerstag zu den jüngsten Entwicklungen nicht äußern. Mag sein, dass sich das bald ändert. Mag nur auch sein, dass die Athleten im Umfeld des einstigen NOP mit jedem Tag der Stille mehr und mehr mit jener Kultur verschmelzen, die Salazar einst vorlebte, die Nike alimentierte und die auch Julian tolerierte: Gewinnen, koste es, was es wolle.

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