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Kommentar:Reisen als Risiko

Kaum jemand redet in der Liga über Wettbewerbsverzerrung - Hauptsache, es wird überhaupt gespielt. Wenn Klubs aber die wichtigsten Stürmer fehlen, weil sie sich bei der Nationalelf mit Corona angesteckt haben, ist schon die Frage: Wie lange geht das alles noch gut?

Von Klaus Hoeltzenbein

Fußball ist, zumindest jenseits von Tippkick und Videospiel, eigentlich kein Fall fürs Homeoffice. Man will raus! Auch wenn außerhalb der eigenen Homeoffice-Blase gerade erst recht nicht alles zu ordnen und einzuordnen ist. Ratlos zurück lässt einen zum Beispiel die Frage, warum am vierten Bundesligaspieltag bei einem Kick wie Mönchengladbach gegen Wolfsburg offiziell nur 300 Zuschauer zugelassen waren? Der Borussia-Park ist eigentlich für 59 724 konzipiert. Nachvollziehbar war ja die bundesweite Generallinie für alle Stadien vor Saisonbeginn: 20 Prozent Auslastung, maximal. Aber nun? Nur 300?

Warum nicht 1000? Oder keiner? Wie kommen Gladbachs Ämter nur auf diese Zahl? Kurz ein wenig Mathematik: 59 724 geteilt durch 300? Macht laut Taschenrechner: 199,08. Jedem Glücklichen, der das Mittelklasse-1:1 am Ort verfolgen durfte, hätten also - theoretisch - circa 200 Plätze zur freien Verfügung gestanden. Da lassen sich Abstände einhalten, die sogar das böse Aerosol beim Virentransport in Schnappatmung versetzen.

Verglichen mit den Problemen, die sonst die Liga plagen, ist die Sache mit der Platzverschwendung eine Randnotiz. Der Vorwurf einer Wettbewerbsverzerrung lässt sich kaum damit begründen, wenn die einen nur wenige und die anderen gar keine Trommler und Trompeter reinlassen dürfen. Zwar zeigte sich schon in der Vorsaison, dass bei technisch schwächeren Mannschaften der Heimvorteil wegfällt, je stärker die Kulisse schrumpft; aber es ist Aufgabe des Trainers, sein Personal auch für stetig wechselnde Stimmungslagen zu präparieren.

Als Wettbewerbsverzerrung kann es hingegen schon definiert werden, wenn nach einem Ausflug ins Risikogebiet plötzlich der beste Spieler fehlt. Während die TSG Hoffenheim vor der Spieltags-Rekordkulisse von 6030 Zuschauern gegen Dortmund 0:1 verlor, saß Andrej Kramaric in Quarantäne. Ausgerechnet jener Mann, der drei Wochen zuvor am selben Ort beim 4:1-Sieg gegen den FC Bayern zweimaliger Torschütze und der Beste auf dem Rasen war. Kramaric hat sich offenbar während seiner Länderspiel-Tournee mit Kroatien angesteckt; sein Teamkollege Kasim Adams fehlte gegen den BVB ebenfalls, er kehrte mit ähnlicher Diagnose aus Ghana zurück. Hoffenheim stellte den Sinn der Ausflüge in Frage, der Rest der Liga aber hielt fatalistisch eher still wie nach einem strittigen Elfmeter: Gleicht sich später eh alles wieder aus.

Diese Haltung liegt darin begründet, dass das höchste Gut, die Integrität des Wettbewerbs, jetzt nicht diskutiert werden soll. Andernfalls ist der Fluss der Fernsehgelder erneut gefährdet, mancher fürchtet gar ein Versiegen, in nicht wenigen Klubs geht es ums Überleben. Das Problem sind akut nicht nur solche Länderspielreisen wie bei Hoffenheims Kramaric, es ist generell der Tourismus der Sportzunft - und kommende Woche startet der Fußball in Champions- und Europa League. Alle werden unterwegs sein. Gewiss reisen Klubteams abgeschotteter als Nationalteams, bei denen schon die Anfahrt zum Treffpunkt eine Sternfahrt ist. Dennoch sind die Argumente fürs viele Reisen abzugleichen, etwa mit denen der Bundeskanzlerin, die in ihrer Videobotschaft am Samstag fast flehentlich bat: "Verzichten Sie auf jede Reise, die nicht wirklich notwendig ist."

Ansonsten? Lockdown? Jedenfalls ist da wieder die Angst, dass Tippkick und Videospiel im Homeoffice doch noch mal zur Alternative werden könnten.

© SZ vom 19.10.2020
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