Kommentar:Putin pfeift, Bach springt

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Gold vom Richter

Der russische Ex-Bobpilot Alexander Subkow darf nach dem Urteil eines Moskauer Gerichts seine zwei wegen Dopings aberkannten Goldmedaillen der Winterspiele in Sotschi 2014 behalten. Subkow sei in Russland nicht verpflichtet, eine anderslautende Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs zu erfüllen. Der Spruch könnte einen neuen Konflikt zwischen Russland und den Weltsportorganisationen bedeuten, nachdem der Streit über staatsgelenktes Doping just notdürftig beigelegt wurde. <NM1>Er hatte auch deshalb geklagt, weil mit der Aberkennung der Siege seine lebenslange russische Rente als Olympiasieger entfallen war. Das Gericht sprach ihm die Rente wieder zu.<NM>Wegen Zweifeln an seinen Dopingproben aus Sotschi hatte das Internationale Olympische Komitee Subkow die Siege aberkannt und ihn lebenslang gesperrt. Der heutige Chef des nationalen Bob-Verbands bestreitet Doping. dpa

Mit dem absurden Urteil für Ex-Bobfahrer Subkow torpediert Putins Justiz eine der obersten olympischen Leitideen: die Autonomie des Sports und seiner Rechtssprechung. Aber harte Sanktionen des IOC gegen Russland? Kaum vorstellbar.

Von Thomas Kistner

Neues vom Anti-Doping-Kampf im organisierten Sport, der sowieso mehr als Sedativum fürs skeptische Publikum fungiert: Die Betrugsbekämpfung wird endlich auch auf juristischem Wege abgeschafft. Jedenfalls in Russland, das gerade erst eine Staatsdopingaffäre schadlos überstehen durfte. Jetzt entschied ein Moskauer Gericht, dass Alexander Subkow seine nach den Dopingspielen 2014 in Sotschi aberkannten Goldmedaillen behalten darf. In Russland dürfe der Ex-Bobpilot ein Urteil des Weltsportgerichtshofs Cas ignorieren.

Das sind tolle Nachrichten für alle Sünder. Denn sollte das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Putin-Freund Thomas Bach dieses Urteil nicht hart sanktionieren, muss gleiches Recht für alle gelten: Es kann nicht sein, dass gedopte Russen ihr Raubgut behalten dürfen, weil Moskau das für okay hält, aber gedopte Deutsche, Amerikaner, Chinesen etc. ihre Beute abliefern müssten.

Putins Justiz gibt dem Ringe-Clan die nächste Nuss zu knacken. Dabei hat gerade erst die Welt-Anti-Doping-Agentur, eine Art sportpolitische Außenstelle des IOC, die nationale Anti-Doping-Agentur Rusada wieder anerkannt; diese war eine Zentralstelle des jahrelangen Pharmabetrugs. Jetzt müsste also Russlands Aussperrung von internationalen Wettkämpfen erfolgen. Denn das IOC propagiert, allen Weltverbänden voran, die Autonomie des Sports und seiner Rechtsprechung als oberste Leitidee. Auch diesen Grundsatz torpediert das Moskauer Urteil nun.

Aber das IOC gegen Russland, Bach versus Putin: Ist das überhaupt vorstellbar?

Nein. Sollte jetzt also wieder nichts passieren und das IOC so tun, als seien die durch endlose Betrugssümpfe watenden Russen von vitaler Bedeutung für den Weltsport, dann gehört dieses Phänomen endlich von einer anderen Seite beleuchtet: Worauf basiert diese bizarre Sonderrolle, warum kommen die Sportsfreunde immer wieder ungeschoren davon?

Ein Denkmodell steht seit der vom IOC so fürsorglich abgewickelten Staatsdoping-Affäre im Raum: Können Bach und Co. gar nicht anders, als zu springen, wenn Putin und seine Leute pfeifen? Weil es um ganz andere Dinge geht, wenn sie für Moskaus Sünder die eigenen Regeln über jede Schmerzgrenze hinaus verbiegen, sogar weltweiten Protesten zum Trotz? Liegt das Kernproblem des IOC nicht in russischen Laboren, sondern in Aktenschränken des Kreml? Wer staatliche Dopingprogramme mit geheimdienstlicher Akribie betreibt, setzt diese Mittel auch in seiner Sportpolitik ein. Und wer Funktionäre unter Druck setzen kann, braucht sich um Regeln nicht zu scheren. Klingt wie eine steile These? Es ist die Logik, die übrig bleibt, wenn es keine vernünftige Erklärung mehr gibt.

Das Moskauer Urteil kann also helfen.

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