Paralympische Sportler:Wie die Leichtathletik die Falschen vorverurteilt

Lesezeit: 2 min

Leichtathletik-DM in Ulm

Springt mit seiner Prothese acht Meter weit: Markus Rehm

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Der Leichtathletik-Verband beschließt eine Holzhammer-Reform. Das Ziel: Paralympier ein für allemal von Meisterschaften der sogenannten Nichtbehinderten fernzuhalten. Ein fataler Schritt.

Kommentar von Thomas Hahn

Der Leichtathletik-Weltverband ist erfahren in der Kunst, unliebsame Debatten klein zu spielen. Und jene um den Start von Prothesensportlern bei Wettkämpfen der olympischen Klasse hätten die Illusions-Artisten der IAAF sogar fast komplett verhindert. Auf ihrem Kongress vor der WM haben sie im Stillen eine Reform beschlossen, die darauf abzielt, Paralympier ein für allemal von Meisterschaften der sogenannten Nichtbehinderten fern zu halten.

Die Reform erspart der IAAF zudem gleichzeitig Geld und Mühen: Laut Regel 144.3 (d), die vom 1. November an gilt, ist Sportlern "jede mechanische Hilfe" untersagt - sofern sie nicht nachweisen können, dass ihnen diese Hilfe keinen Vorteil verschafft. Nicht mehr der Verband ist künftig also dafür zuständig, die Startberechtigung eines Prothesenträgers festzustellen, sondern der Prothesenträger selbst.

Kein Wunder, dass die IAAF diese Reform erst auf Nachfrage öffentlich besprach. In den aufgeklärten Gesellschaften hat das Zeitalter der Inklusion begonnen, eine UN-Konvention schreibt die gleichberechtigte Teilhabe für Menschen mit und ohne Behinderung vor. Da wirkt es nicht sehr fortschrittlich, wenn ein Verband Sportler mit Behinderung nach dem Prinzip der Vorverurteilung ausschließt. Denn genau das bewirkt die Reform: Die IAAF unterstellt damit einem paralympischen Acht-Meter-Weitspringer wie dem Leverkusener Markus Rehm ohne wissenschaftliche Expertise, dass er sein Karbon-Sprungbein zum Zweck des Technik-Dopings trage.

Nach der Logik dieser Reform müsste jeder WM-Teilnehmer vor dem Start nachweisen, dass er seine Leistung nicht manipuliert hat. Auf einen solchen Dreh in der Doping-Bekämpfung würde die IAAF natürlich nie kommen, weil er ihr Geschäft lahmlegen würde: Wie kann ein Athlet einen Vorwurf entkräften, der sich allein aus der Annahme ergibt, dass etwas falsch läuft? Mit ihrer neuen Anti-Paralympier-Politik zeigt die IAAF im Grunde nur, dass sie zu bequem dafür ist, sich ernsthaft auf die Frage einzulassen, ob Sportler mit Kunstfüßen vergleichbare Leistungen bringen wie Sportler mit natürlichen Füßen.

Es gibt biomechanische Untersuchungen, die nahelegen, dass Prothesen-Weitsprung und Weitsprung zwei unterschiedliche Sportarten sind. Deshalb ist Rehm bei den jüngsten deutschen Meisterschaften der Nichtbehinderten außer Konkurrenz gestartet. Aber eine nachhaltige Studie, aus der man klare Regeln für eine inklusive Sportgesellschaft ableiten kann, fehlt noch. Die IAAF müsste sich darum kümmern. Sie tut es nicht und erledigt das Thema stattdessen mit dem Holzhammer. Peinlich.

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