Kommentar:Noch einmal gewachsen

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Die Paralympics haben wohl bald die Grenzen ihrer Sportler- und Zuschauerzahlen erreicht. An der Basis, wo barrierefreie Sportstätten, mehr Mittel und Trainer gebraucht werden, erwartet die Bewegung allerdings noch dringend Zuwächse.

Von Ronny Blaschke

In zwei Reihen saßen sie noch einmal im Pressezelt vor den Journalisten, mit müden Augen und verschwitzten Haaren, ihre blauen Trikots spannten über den Brustpanzern. Der koreanische Präsident war schon gefahren, viele der 8000 Zuschauer zogen in die Sponsorenhäuser weiter. Nur Südkoreas Schlittenhockeyspieler beantworteten noch Fragen, 90 Minuten nach ihrer gewonnenen Bronzemedaille gegen Italien. Nach jeder Aussage klatschten sie. Kurz, laut, nahezu synchron. Sie schienen in diesem Moment verharren zu wollen.

"Wir hoffen, dass unsere Sportart eine große Zukunft hat", sagte der Spieler Jung Seung-hwan. "Und dass wir mehr Talente finden." Auf dem Spielfeld schlängelte er sich stets an seinen Gegnern vorbei, viele nennen ihn den Messi auf dem Eis. Jung Seung-hwan war schon vor den Paralympics Botschafter der Spiele, besuchte Schulen, trat in Werbefilmen auf, reiste zu den Vereinten Nationen nach New York. Er war eine der wenigen Identifikationsfiguren einer unauffälligen Bewegung. Die am Sonntag beendeten Paralympics haben das geändert. Er ist nicht mehr allein.

Nun beginnt die Zeit, da die bekömmlichen Jubelbilder des Sports zur Verständlichkeit von Politik beitragen sollen. Im konservativen Südkorea hat der vergleichsweise fortschrittliche Präsident Moon Jae-in die Spiele für Nachrichten genutzt, die es sonst kaum zur Schlagzeile geschafft hätten, zum Beispiel die zeitnahe Abschaffung eines Gesetzes. Denn in der Regel wurden Menschen mit Behinderung dort in sechs Kategorien eingeordnet, je nach Schweregrad, viele fühlten sich ausgegrenzt. Zudem sollen etliche Millionen in Barrierefreiheit von Sportstätten fließen. Und eine Kampagne möchte 500 000 Menschen mit Behinderung zum täglichen Sporttreiben motivieren.

Eine Steigerung ist auch für den Sommer 2020 in Tokio möglich

"Wenn ich früher im Ausland paralympische Wettbewerbe gesehen habe, dann war ich ein bisschen neidisch", sagt Lee Myung-ho, Präsident des Koreanischen Paralympischen Komitees. "Aber jetzt bin ich zuversichtlich, dass wir auch breite Strukturen aufbauen können." Bislang gibt es in Südkorea nur ein Dutzend Sportstätten, die komplett barrierefrei sind, darunter aber eines der weltweit größten Zentren für Leistungssport. Zurzeit ordnen die Südkoreaner Anfragen und Aufgaben für ihre 36 Paralympics-Teilnehmer, vor allem für die Schlittenhockeyspieler und den Längläufer Sin Eui-hyun, der das erste Gold überhaupt für koreanische Winter-Paralympier gewann. Denn Südkorea braucht Veränderung: Das Land hat die zweithöchste Lebenserwartung weltweit. Und mit dem Alter werden körperliche Beeinträchtigungen wahrscheinlicher.

An Pyeongchang ist deutlich geworden, dass die Paralympics jenseits von Spitzenleistungen Anlass zum Austausch bieten. Politiker verglichen Gesetzestexte, Wissenschaftler erörterten Trainingskonzepte, Prothesenhersteller diskutierten über Neuerungen. "Wir können nicht mehr so große Wachstumssprünge machen wie vor zehn Jahren", sagt Andrew Parsons, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees. "Aber wir können die Basis in den Ländern noch stärker machen." Es reiche nicht, die Treppe vor der Sporthalle durch eine Rampe zu ersetzen. Wichtig seien Fortbildungen für Trainer, Betreuer, ebenso wie Netzwerke zu Krankenhäusern und Rehazentren.

Die Paralympics sind noch einmal leicht gewachsen. Mehr Sportler, mehr Nationen, mehr Tickets, enorme Zugriffe auf die offiziellen Internetkanäle. Eine Steigerung ist auch für die Sommerspiele 2020 in Tokio wahrscheinlich. Schon jetzt arbeiten im Organisationskomitee fünf Mitarbeiter für den Behindertensport. Anschließend geht es 2022 zu den Winterspielen nach Peking, wo deutlich werden dürfte, wie sich Paralympics-Strukturen seit den Sommerspielen 2008 am selben Ort entwickelt haben. In Pyeongchang gewannen Chinas Curler das erste Wintergold für das im Sommer dominierende Land.

Auch das IPC hat in seinen Strukturen eine belastbare Basis. Der Verband hatte 2010 rund 30 Mitarbeiter, inzwischen sind es 105, er sucht in Bonn nach größeren Räumlichkeiten. Durch seine Sponsoren nimmt er pro Jahr zwölf Millionen Euro ein. So viel setzt das Internationale Olympische Komitee zwar in wenigen Tagen um, aber für das IPC ist das eine Verdopplung gegenüber 2016. Künftig möchte das IPC seine Partner noch mehr mit jenen des IOC vernetzen. Die Paralympier würden stark profitieren, wenn das IOC seinen milliardenschweren Wirtschaftskreislauf ein wenig umlenken würde. Wie das aussehen kann, zeigte ein japanischer Autohersteller als Partner beider Komitees: Ein Werbespot mit der kanadischen Winter-Paralympierin Lauren Woolstencroft erreichte während der Übertragung des Super Bowls, des Finales im American Football, einen Großteil der US-Bevölkerung. Dem IPC half der Clip zweifach: Weil in den USA trotz Erfolgen das Interesse für Behindertensport gering ist; und weil bei Winterspielen der Anteil an Athletinnen nur bei rund einem Viertel liegt.

Für die südkoreanischen Schlittenhockeyspieler stehen nun einige Interviews an, vor allem für den flinken Stürmer Jung Seung-hwan. Er wird wieder in Schulen gehen und in Filmen auftreten. Seit seinem fünften Lebensjahr fehlt ihm das rechte Bein. Und vielleicht wird er auch irgendwann nicht mehr allerorten gefragt werden, warum das so ist.

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