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Kommentar:Neue Software vonnöten

Mönchengladbach wollte einen sanften Trainerwechsel. Eine noble Haltung, allerdings ohne den gewünschten Effekt.

Als die Welt von Borussia Mönchengladbach Anfang Februar noch in Ordnung war, hatte die Mannschaft als Tabellenzweiter zehn Punkte Vorsprung vor dem fünften Platz und 13 Punkte vor der TSG Hoffenheim auf Platz acht. Die Fans am Niederrhein stellten sich nach zweijähriger internationaler Absenz freudig auf die Rückkehr in einen europäischen Wettbewerb ein: mindestens Europa League, wahrscheinlich sogar Champions League. Das ist erst 13 Wochen her, aber es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, denn die Gladbacher spielen seit Wochen einen Fußball, bei dem einem angst und bange werden könnte, wenn man darüber nachdenkt, sie müssten damit im Europapokal mithalten. Einziger Hoffnungsschimmer wäre, dass der künftige Trainer Marco Rose die Mannschaft umbauen und ihr eine neue Software aufspielen kann.

Bis Anfang Februar, bis zum 20. Spieltag, zeigte sich Gladbach noch in Champions-League-Verfassung. Dann ging plötzlich alles verloren. Nach zwölf Heimsiegen in Serie haben die Borussen nun sieben Mal daheim nicht gewonnen, haben in diesen Spielen nur drei Punkte geholt und ein Torverhältnis von 6:17 angehäuft. Aber auch auswärts ging nicht mehr viel zusammen. Nach einem 1:3 in Düsseldorf verkündete der Manager Max Eberl, dass man sich zum Saisonende vom Trainer Dieter Hecking trennt. Er sprach ihm aber das Vertrauen bis zum Saisonende aus und wollte Hecking auch bis zuletzt nicht vorzeitig vom Amt entbinden, obwohl Gladbach in den fünf Spielen seit der angekündigten Trennung nur fünf Punkte holte und phasenweise einen katastrophalen Fußball spielte.

Wäre das Spiel gegen Hoffenheim mit 2:5 oder 2:6 verloren gegangen, wie es durchaus hätte geschehen können, dann wäre Heckings Verbleib in den restlichen beiden Spielen nicht mehr sicher gewesen. So aber scheint Gladbach die Sache mit Hecking wirklich zu Ende bringen zu wollen. "Wir ziehen das jetzt durch", hatte Hecking neulich ja selbst gesagt, "bis zum bitteren Ende - äh.., das hoffentlich ein süßes wird."

Dieser Haspler droht weiterhin, sich als freudscher Versprecher zu entpuppen. Mit der Leistung vom Samstag wird Gladbach weder in Nürnberg noch gegen Dortmund punkten. Im schlimmsten Fall verspielen sie Champions League und Europa League, und das Festhalten am entmachteten Trainer hätte sich als Fehler erwiesen. "Wir sind alle nur Menschen", sagte Hecking auch am Samstag wieder. Es ist im Misserfolgsfall sein Lieblingsargument. Im Milliardenbusiness Fußball ist es das schwächste aller Argumente.

© SZ vom 05.05.2019
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