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Kommentar:Mamma mia

Winter-Olympia kehrt 2026 in ein Wintersportland zurück. Doch das IOC hat wenig Grund zu jubeln: zu viele Probleme gilt es weiterhin aufzuarbeiten.

Es ist wirklich bedauerlich, dass die schwedische Pop-Gruppe Abba vor ein paar Jahrzehnten schon nach 100 Songs beschloss, ihr musikalisches Schaffen zu beenden. Seit der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2026 am Montagabend, als Stockholms Bürgermeisterin in der finalen Präsentation ein Lied der Band intonierte, ist es ein Trend geworden, alle Geschehnisse rund ums Internationale Olympische Komitee mit einem Songtitel des Quartetts zu etikettieren. Das italienische Gewinner-Paar Mailand/Cortina sei die "Dancing Queen", die schwedische Bewerbung von Stockholm und Åre habe ihr "Waterloo" erlebt, fürs IOC gehe es um "Money, Money, Money" - und "Mamma Mia" passt sowieso in vielerlei Hinsicht.

Aber leider, leider brachten die Vier von Abba damals keinen Text zu Papier, dessen Titel die Lage des IOC angemessen wiedergeben würde. In dem also Begriffe wie Crisis, Trouble oder Problems auftauchen würden.

Das IOC selbst wähnt sich gerade mal wieder in einem wunderbaren Zustand. Dabei gab es zu Wochenbeginn drei interessante Nachrichten, die zusammen durchaus angemessen illustrieren, wie es um die olympische Bewegung steht.

Die erste: Das IOC schloss mit dem Langzeit-Partner Coca-Cola und dem umstrittenen chinesischen Milch-Produzenten Mengniu Dairy einen Sponsorenvertrag über gleich zwölf Jahre, dessen Gesamtvolumen laut FT drei Milliarden Dollar betragen soll. Aber selbst wenn es ein paar Dollar weniger sind, ist dies ein Beispiel, das mal wieder zeigt: Wenn es ums Geldverdienen geht, um Marketing- und Fernseherlöse, funktioniert das IOC unter der Leitung seines deutschen Wirtschaftsanwaltes Thomas Bach prächtig.

Die zweite Nachricht: die Vergabe der Winterspiele 2026. Ja, dem IOC ist es gelungen, nach dem wintersportlichen Horror-Trio Sotschi (2014), Pyeongchang (2018) und Peking (2022) wieder in eine klassische Wintersport-Nation zurückzukehren. Nur war zum einen der Weg dorthin extrem schwierig, viele Kandidaten sagten ab, oft nach Volksentscheiden - und die verbliebenen zwei Städte hielten ihre Bewerbung nur mühsam aufrecht. Das zeigt, wie es um den Ruf des Ringe-Gremiums weiterhin bestellt ist. Und zum anderen wählte das IOC dann unter zwei verbliebenen europäischen Bewerbungen nicht die solide, sondern die politisch und wirtschaftlich risikoreichere. Dass in Italien wirklich alles so glatt und günstig läuft, wie es gerade versprochen wird, darf mit Blick auf die olympische Historie durchaus bezweifelt werden.

Nachricht Nummer drei wiederum: Frankreichs Behörden beantragten einen Prozess gegen das frühere IOC-Mitglied Lamine Diack, es geht um Geldwäsche und Bestechung. Passgenau zur Mailand-Kür erinnerten die Ermittler damit an all den Schmutz der Ringe-Welt, den es noch aufzuarbeiten gilt. Die Vergaben der Sommerspiele nach Rio (2016) und Tokio (2020) sind aufgrund zweifelhafter Geldflüsse im Visier französischer Behörden, auch rund um die Wahl von Pyeongchang 2018 sind fragwürdige Vorgänge dokumentiert. Zudem gibt es vom Kuwaiter Ahmad al-Sabah bis zum Iren Pat Hickey IOC-Mitglieder, für die sich die Strafermittler wegen anderer mutmaßlicher Verfehlungen interessieren.

Mal sehen, wem im IOC in den nächsten Jahren noch zum Singen zumute ist.