Kommentar Lametta zum Fest

Die Sportlerkür ist eine liebgewonnene, wärmende Tradition. Das ist nicht besonders viel nach einem finsteren Sportjahr.

Von René Hofmann

Was wird bleiben vom Sportjahr 2016? Das Staunen über den späten Olympia-Triumph von Fabian Hambüchen? Das Verzücken darüber, wie locker die deutschen Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst an der Copacabana die favorisierten Gastgeberinnen im Sand verbuddelten? Die Begeisterung darüber, wie unerschrocken Angelique Kerber sich in Melbourne mit der scheinbar unbezwingbaren Serena Williams anlegte, den ersten Grand-Slam-Triumph seit Steffi Grafs letztem großen Hurra errang und wie sie diesem später bei den US Open noch den Aufstieg zur Nummer eins der Weltrangliste folgen ließ?

Oder doch eher: Das Entsetzen darüber, wie schamlos in Russland über Jahre gedopt wurde? Wie systematisch die Betrugsjäger genarrt, wie eindeutig Rivalen und Publikum betrogen wurden? Die Wut darüber, dass die Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa bei den Olympischen Spielen nicht starten durfte? Das Unbehagen darüber, wie ungeniert das Internationale Olympische Komitee eine Stadt wie Rio, die gewaltige soziale Probleme hat, als Kulisse für sein Sportfest benutzt und sein Präsident aller Welt trotz aller anderweitigen Belege weismachen möchte: Alles ist gut!? Das zu Gewissheit geronnene Wissen, welche Summen im Sport bewegt werden und welch schäbige Wege nicht wenige Protagonisten beschreiten, um möglichst wenig davon mit der Allgemeinheit teilen zu müssen?

Fabian Hambüchen, Angelique Kerber, Laura Ludwig und Kira Walkenhorst sind würdige Sportler des Jahres. Rio, Melbourne und New York: Diese Orte zogen 2016 viele Blicke deutscher Sportfans auf sich. Zu diesem Jahr aber gehörten eben auch: die Erkenntnisse der zwei McLaren-Berichte über den Doping-Betrug in Russland, die Panama Papers, Football Leaks und die offensichtlich dunklen Seiten der Rio-Spiele.

Was eine größere Wirkung entfaltet, die schönen Bilder oder das böse Wissen, lässt sich schwer sagen. Auch, weil ein jeder mit anderen Augen auf jedes Ereignis blickt. Für manch einen ist es am spannendsten, welche Kleider die Sportlerinnen und Sportler zur jährlichen Kür der vermeintlich Besten im Kurhaus von Baden-Baden ausführen. Andere lauern bei der Gelegenheit nur darauf, wie frech die Spitzen zu den ansonsten weit entrückten Branchenführern vom Fußball ausfallen. Und manch einer schaut erst gar nicht mehr hin, weil er die ganze Branche der sportlichen Helden-Produktion für verlogen hält.

Diese ganze Spannweite kann eine Sportgala unmöglich abdecken. Im Grunde ist die Sportlerkür so etwas wie Lametta an vielen Christbäumen: eine lieb gewonnene, wärmende Tradition. Das ist nicht besonders viel. Es ist aber auch nicht nichts.