Hopp-Schmähungen der Bayern-Ultras:Sie halten sich für wichtiger als ihren Verein

Bundesliga - TSG 1899 Hoffenheim v Bayern Munich

Bayern-Trainer Hansi Flick und Leon Goretzka reden auf die Fans ein.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Schmähungen sind kein legitimes Mittel des Protestes. Bayern-Ultras wählen im Spiel gegen Hoffenheim die nächste Stufe der Eskalation - dabei merken sie nicht, dass es einsam um sie wird.

Kommentar von Martin Schneider, Sinsheim

Man muss den Bayern-Fans ja dankbar sein, dass sie noch am Samstagabend eine Erklärung zu den beiden beleidigenden Bannern in Hoffenheim veröffentlicht haben. Normalerweise kommunizieren Fan-Kurven ja über Plakate, Gesänge und Choreographien und wenn man als Außenstehender eine Aktion kritisiert, heißt es oft, man verstehe die Fankultur eben nicht, man müsse das in einem größeren Kontext betrachten, oder, oder, oder.

Insofern kann man nun auf suedkurve-muenchen.org nachlesen, mit welcher Argumentation einige Ultras den Beinahe-Abbruch eines Spiels rechtfertigen, in dem ihre Mannschaft 6:0 führte. Eine Mannschaft übrigens, das nur nebenbei erwähnt, die sie eigentlich unterstützen wollen. Aber darum geht es in diesem Konflikt offenbar schon lange nicht mehr. Denn wer so handelt, der hält sich und sein Anliegen für wichtiger als den sportlichen Erfolg der Mannschaft und auch wichtiger als den Verein.

In dem Statement der Bayern-Ultras steht, zum einen seien Beleidigungen im Fußball gängig, zum anderen habe Dietmar Hopp einen Privatkrieg angefangen, in dem er BVB-Fans vor einigen Jahren mit hochfrequenten Tönen beschallen lassen haben soll. Vor allem aber sei die Kollektivstrafe gegen die BVB-Anhänger ein Angriff auf die Fanrechte allgemein. Die Wortwahl müsse man nicht gutheißen, aber nur so bekomme man Aufmerksamkeit.

Die Frage ist, was daraus folgt

Wenn Argumente genannt werden, kann man sich mit ihnen auseinandersetzen. Also: Es stimmt, dass etwa der Leipziger Stürmer Timo Werner einst mit dem gleichen Schimpfwort belegt wurde, mit dem nun auch Dietmar Hopp beschimpft wird - aber schon diese Gesänge diffamierten einen Einzelnen auf unsägliche Weise und hätten Konsequenzen haben müssen.

Der Drei-Punkte-Plan, der in Sinsheim angewandt wurde und der zu Spielunterbrechungen und letzten Endes auch zum Spielabbruch führen kann, ist eine Möglichkeit, um auf solche Beleidigungen besser reagieren zu können. Ursprünglich wurde er gegen Rassismus angelegt, die Fifa mahnte im Sommer zur schärferen Anwendung und der DFB setzte das nun konsequent um.

Wie konsequent - das ist ab jetzt tatsächlich eine spannende Frage an den DFB. Denn es ist natürlich zwingend geboten, dass die gleiche Härte auch in künftigen Fällen angewandt wird, wenn es etwa um Rassismus, Homophobie oder Sexismus geht. Auch als Herthas Spieler Jordan Torunarigha im DFB-Pokal auf Schalke rassistisch angefeindet wurde, wäre eine Unterbrechung notwendig gewesen. Sie fand nicht statt, weil Schiedsrichter Harm Osmers damals angab, die Beleidigungen nicht selbst gehört zu haben.

Und wenn die Bayern-Fans gegen Kollektivstrafen protestieren wollen - dann sollen sie das tun. Es gibt sehr gute Gründe gegen Kollektivstrafen, es gibt aber auch ein paar Gründe dafür. Nämlich, dass man zur Feststellung von Einzeltätern eine orwellsche Überwachung der Kurve installieren muss und etwa personalisierte Tickets ausgibt, was natürlich beides auch keiner will. Und das Argument, dass man nur mit Beleidigungen Aufmerksamkeit bekomme - nunja, die Aufmerksamkeit ist da.

Die Frage ist, was daraus folgt. Es wäre natürlich schön, wenn dieser Konflikt nicht weiter eskalieren würde, aber möglicherweise ist es dafür schon zu spät. Die Bayern-Ultras haben in dem Punkt recht, dass sich der Streit mit Hopp hochgeschaukelt hat. Ja, auch wegen einer Beschallungsanlage von Vereinsseite der TSG Hoffenheim. Aber auch wegen unzähliger Beleidigungen in Fan-Kurven, die von der Grundlage ausgehen, dass Schmähungen oder - im Fall des Fadenkreuzes - symbolische Morddrohungen in diesem Fall ein legitimes Mittel des Protestes sind.

Und das ist der springende Punkt: Das sind sie nicht. Weil das sehr viele Parteien so sehen, wird es recht einsam um die Fans, die der Argumentation der Münchner Ultras folgen.

Die Mannschaft des FC Bayern fühlt sich von den eigenen Anhängern um den sportlichen Lohn gebracht und hüpft vor der gegnerischen Kurve, die Verbände und Vereine können diese Form der Auseinandersetzung ohnehin nicht tolerieren, Karl-Heinz Rummenigge äußerte sich da unmissverständlich. Und die meisten Zuschauer im Stadion fragen sich sowieso, warum man beim Fußballschauen eigentlich in einen Kleinkrieg rutschen muss.

Ein oft zitierter Satz in Fankurven lautet: Niemand ist größer als der Verein. Vielleicht sollten sich die Bayern-Ultras daran noch einmal erinnern, wenn es darum geht, wie man die Auseinandersetzung fortsetzen will.

© SZ vom 01.03.2020/sonn
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