Kommentar:Hausverbot für den Diktator

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SOCHI, RUSSIA - FEBRUARY 7, 2020: Belarus President Alexander Lukashenko during a friendly ice hockey match at an ice a; Lukaschenko

Sport und Staat: Dafür steht in Belarus seit Jahrzehnten derselbe Mann, Präsident Alexander Lukaschenko, auch Chef des NOK.

(Foto: Mikhail Metzel/imago images/ITAR-TASS)

Die Suspendierung von Alexander Lukaschenko, dem Staatspräsidenten von Belarus, war überfällig. Anerkennung dafür gebührt allein denen, die seit Langem Druck auf das IOC ausüben: Interessenvertretungen von Sportlern und den Betroffenen selbst.

Von Johannes Knuth

Welch treffendes Verdikt, das einem hohen Würdenträger in der Causa Belarus jetzt in der Erregung aus dem Mund fiel. Man habe es offensichtlich mit einer "Bande" zu tun, gegen die man vorgehen müsse, kompromisslos, am besten vor Gericht. Wahre Worte. Leider aus dem falschen Munde.

Gesagt hat sie Alexander Lukaschenko, auch bekannt als Europas letzter Diktator. Der 66-Jährige will das nicht einsehen: dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) ihn und weitere Funktionäre jetzt von großen Sportveranstaltungen verbannt hat und fast alle Finanzströme an das Olympiakomitee von Belarus abdreht, dem Lukaschenko ebenfalls vorsteht. Ausgenommen sind Stipendien, die den Athleten aus Belarus direkt zufließen sollen. Es sind ja auch viele Sportler, die seit Monaten darunter leiden, wie Lukaschenko alle Proteste niederknüppeln lässt, die sich gegen sein Regime und eine offenkundig gefälschte Wahl richten. Das klingt schon eher nach einer Bande, gegen die vorgegangen gehört.

Keine Frage: Das olympische Hausverbot für Lukaschenko war überfällig. Anerkennung dafür gebührt allein denen, die seit Langem Druck auf das IOC ausüben: Interessenvertretungen wie der Verein Athleten Deutschland, vor allem aber die Betroffenen selbst. Viele Sportler aus Belarus also, die demonstrierten und dafür im Gefängnis verschwanden; Kollegen und Funktionäre, die sich solidarisierten, Jobs und Stipendien verloren. Die mitfühlende Erkenntnis des IOC am Montagabend: Athleten in Belarus würden "wahrscheinlich nicht genug vor politischer Diskriminierung geschützt". Das Wort Menschenrechte ging dem deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach bei einer Presserunde nicht einmal über die Lippen.

So zeigt sich auch mal wieder die Verlogenheit eines weiteren Systems, des olympischen nämlich. Sport und Staat, dafür steht in Belarus seit Jahrzehnten ja derselbe Mann: Lukaschenko. Er lenkt das NOK seit 1997, er wurde ausdauernd von Würdenträgern aus dem organisierten Sport hofiert, auch von Bach. Gleichzeitig predigt der Deutsche, dass Sport und Politik strikt getrennt gehören; aber selbstredend nur dann, wenn es dem IOC gerade passt. Im vergangenen Oktober hatte Bach noch doziert, dass ihn die Lage in Belarus sorge, aber sorry, da könne man in manchen Fällen einfach nichts tun: Wenn gegen Sportler staatliche Sanktionen verhängt würden, habe man leider kein Mandat einzugreifen. Frei übersetzt: Was der Staatschef Lukaschenko treibt, kann man doch nicht dem NOK-Chef Lukaschenko anlasten. Umso absurder die jüngste Begründung des IOC, dass Sportler in Belarus unter politischen Repressalien leiden würden. Jetzt wirft Bach dem NOK-Präsidenten Lukaschenko auf einmal vor, er habe die Athleten nicht genug vor dem Politiker Lukaschenko gestützt.

Das Muster dahinter ist älter als viele Diktaturen sich an der Macht halten: Gehandelt wird im IOC erst, wenn der Bewegung Schaden droht, wenn überhaupt. Der gestrafte Autokrat gab sich jetzt auch demonstrativ gelassen: Er habe seit 25 Jahren keine Olympischen Spiele mehr besucht, höhnte Lukaschenko, da könne er die Sanktionen verschmerzen. Man muss ihm das nicht abnehmen; Politiker wie er lechzen danach, von Würdenträgern wie Bach umgarnt und so auch legitimiert zu werden. Allzu sehr muss sich Lukaschenko aber auch nicht grämen. Nach allem, was bekannt ist, kann er sich nach wie vor mit einem Orden des europäischen Olympia-Komitees schmücken, seit 2008 bereits: "Für außergewöhnliche Beiträge zur olympischen Bewegung."

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