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Gündogan und Can:Erst denken, dann liken

Ilkay Gündogan feiert sein erstes Tor gegen Estland.

(Foto: Raul Mee/AP)

Das "Herz" der beiden deutschen Nationalspieler für einen türkischen Militärgruß war offenbar nur naiv. Man kann den Vorgang damit abschließen - und muss sich die schwierigen Fragen nicht stellen.

Vermutlich war es wirklich Gedankenlosigkeit. Wer Emre Can und Ilkay Gündogan nach dem Spiel gegen Estland so zuhörte, der konnte ihnen schon glauben, dass es sich so zugetragen hat, wie sie es darstellten. Ihr Kumpel, Cenk Tosun, schießt ein entscheidendes Tor für die Türkei, sie sehen seinen Post beim Durchwischen auf Instagram, zweimal mit dem Daumen drauftippen, Herz verteilen, nix weiter dabei.

Nun hat Cenk Tosun auf dem Foto halt nicht gejubelt, sondern er hat mit anderen Mitspielern salutiert. Er grüßte damit explizit das türkische Militär, das gerade in Nordsyrien Krieg führt. Menschen sterben dort. Auch dieser Botschaft haben Gündogan und Can ein Herz gegeben. Das war eigentlich nicht so schwer zu erkennen. Auch beim Durchwischen, auch auf den ersten Blick.

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Den beiden deutschen Nationalspielern gefällt ein Instagram-Bild, auf dem türkische Nationalspieler zu Ehren des Militärs salutieren. Kurze Zeit später machen sie die Aktion rückgängig.

Beide haben den Like zurückgenommen und versucht, die Sache wieder einzufangen, so schnell es nur ging. Can sagte, er sei Pazifist und gegen jede Art von Krieg. Gündogan meinte, das Letzte, was er wollte, war, nach dem vergangenen Jahr ein politisches Statement zu setzen. Im vergangenen Jahr, das zur Erinnerung, ließ sich Gündogan wie Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Erdogan fotografieren, zu einem Zeitpunkt, als der schon lange dabei war, essenzielle demokratische Rechte in der Türkei einzureißen.

Ein Like auf Instagram ist kein Foto mit Erdogan, aber der Vorgang zeigt zwei Dinge: Erstens sollten sich Gündogan und Can bewusst sein, dass sie bei 2,6 (Gündogan) und 2,7 (Can) Millionen Followern ihren Account ein bisschen achtsamer bedienen müssen als ein Teenager auf dem Schulhof.

Zweitens zeigt die Aufregung, wie unfassbar sensibel das Thema Erdogan und Deutschland weiter ist. 65 Prozent der Stimmberechtigten, die in Deutschland 2018 zur Wahl gegangen sind, stimmten für Erdogans Partei AKP. Einerseits ist das ihr gutes Recht, andererseits stimmten sie in einem Land mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung für jemanden, der die freiheitlich-demokratische Grundordnung in seinem Land abschafft, ohne mit den direkten Konsequenzen leben zu müssen. Wenn sich diese Problematik in einer Symbolfigur, also einem deutschen Nationalspieler mit dem Adler auf der Brust, manifestiert - dann ist die Wucht der Debatte kaum aufzuhalten.

Mesut Özil /und/oder sein Umfeld haben bewusst den Bruch mit Deutschland gesucht, er trat aus der Nationalmannschaft zurück und bat Erdogan, auf seiner Hochzeit den Trauzeugen zu geben. Gündogan hat den anderen Weg eingeschlagen, er suchte den Dialog, bat um Verständnis bei den Fans und - wenn man die Reaktion des Publikums so deuten mag - bekam es auch.

Die Entscheidung, ob jemand, der Erdogan oder Erdogans Kriege unterstützt, für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielen sollte, muss nun nach den Klarstellungen der Spieler niemand treffen. Zum Glück, kann man sagen, weil die Debatte komplex geführt werden müsste - es würde um Identität, Herkunft, Heimat, Werte und um den Fakt gehen, dass auch deutsche Leopard-2-Panzer gerade auf türkischer Seite in Nordsyrien agieren. Und diese Debatte, so viel ist sicher, würde in Rekordzeit vergiftet werden. Insofern ist es vielleicht ganz gut, dass man aus dieser Geschichte vor allem eine Sache lernen kann: Erst denken, dann liken.

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