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Kommentar:Es blüht wieder was

RB Leipzig, Union Berlin, Dynamo Dresden: Nach dem Fußball-Wochenende fällt auf, dass die Ergebnisse der Klubs im Osten nach Jahren des Niedergangs wieder stimmen. Der Fußball vor Ort strengt sich an, um sich von seinem Image zu emanzipieren.

Von Sebastian Fischer

In der Halbzeit des Bundesligaspiels in Leipzig ereignete sich ein interessanter Dialog, der auf die Leinwand übertragen wurde. Der Stadionsprecher unterhielt sich mit dem Stürmer Terrence Boyd, der bei der ersten Mannschaft von RB Leipzig unter Vertrag steht, zur Zeit aber in der zweiten aushilft, um Spielpraxis zu gewinnen. Es ging um das Regionalliga-Derby zwischen Lokomotive Leipzig und RB Leipzig II am Sonntag. Was sich Boyd erhoffe? Er sagte, seine Wortwahl ist zu entschuldigen: "Nichts auf die Fresse zu kriegen." Ob er tatsächlich Handgreiflichkeiten befürchtete oder diese als Metapher nutzte, wurde nicht weiter erörtert, zu perplex war der Moderator. Für den größeren Zusammenhang waren weitere Informationen allerdings nicht notwendig, Boyd hatte den Vergleich geliefert, der das Bild dieses Wochenendes einrahmt: Der Fußball im Osten strengt sich an, um sich von seinem Image zu emanzipieren. Der Fußball im Osten will nicht länger das schwer erziehbare Sorgenkind sein.

Nach sechs Erstliga-Jahren war Energie Cottbus 2009 die Luft ausgegangen

Zuletzt wurde Ost-Fußball meist im dritten Programm gespielt. Dort wurden Sachsen- und Thüringen-Derbys gezeigt, es duellierten sich Größen von einst, die dritte Liga war auch eine Bundesliga des Ostens. In Leipzig selbst war es lange noch trister, Höhepunkte waren die Spiele des 1. FC Lok, 1987 noch Finalist im Europapokal der Pokalsieger - am Ende war man dort erleichtert, wenn man ein bisschen Fußball-Folklore sah und nichts auf die Mütze bekam. Auch die ruhmreiche SG Dynamo Dresden, 1991 mit Hansa Rostock erster offizieller Ost-Bundesligist, schaffte es lange nur mit Misswirtschaft und Fan-Krawall in die überregionale Schlagzeile. Und nach insgesamt sechs Bundesliga-Jahren war Energie Cottbus als letztem Ost-Erstligisten 2009 die Luft ausgegangen.

An diesem Wochenende hat nicht nur RB Leipzig gewonnen. Zweitligist Union Berlin (Zitat aus der Vereinshymne: "Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union!") bezwang Karlsruhe mit 4:0; Zweitliga-Aufsteiger Dresden gewann beim Absteiger Hannover 96 mit 2:0. Diese Klubs sind sich jedoch spinnefeind, zu konträr ist ihre Geschichte vor und nach der Wende. Sie würden sich dagegen verwehren, im Kollektiv der These zu dienen, dass da im Osten plötzlich eine Fußball-Landschaft blüht.

Trotzdem fällt auf, dass im Osten die Resultate wieder stimmen. Vorrangig in Leipzig. 1994, beim bis zum Samstag letzten Bundesligaspiel in der Stadt, sahen 5100 Menschen im riesigen Zentralstadion das trostlose 2:3 des VfB Leipzig gegen Leverkusen. Nun feierten dort 42 000 den Erfolg gegen den BVB, Tausende mehr nebendran. Den cleveren Marketingstrategen von Red Bull kann man viel vorhalten, eines nicht: dass sie sich für ihre Geld-schießt-Tore-Idee die falsche Stadt ausgesucht hätten.

© SZ vom 12.09.2016
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