Kommentar:Erinnerung an den Erdbeertag

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Wimbledon 2019

Knapper als das Ergebnis vermuten lässt: Julia Görges scheitert in Wimbledon an Serena Williams.

(Foto: Ben Curtis/dpa)

1989 gelang Steffi Graf und Boris Becker ein Doppelschlag in Wimbledon. 30 Jahre später sind alle Deutschen früh draußen.

Von Barbara Klimke

Für den ehrwürdigen All England Lawn Tennis Club in London ist das Jahr 1989 aus drei Gründen erinnerungswürdig. Erstens wurden alle Plätze, auch die unbedeutenden im hinteren Bereich der Anlage, mit einer elektronischen Tafel versehen, auf der erstmals die Punkte-Zwischenstände aufleuchten: Auch wer den Schiedsrichter nicht hören konnte, wusste nun also, ob es 40:15 oder 40:30 stand. Zweitens hatte der Court No. 1 eine neue Treppe erhalten. Und drittens plätscherte es so ausdauernd vom Himmel, dass die Finalistinnen am letzten Samstag der Championships unverrichteter Dinge ihre Taschen packten und am Sonntag wiederkehren mussten. "Inclement weather", unbarmherzige Bedingungen für Liebhaber des Rasensports, heißt es in den Klubannalen.

Für die deutschen Tennisfreunde indes spielte das Wetter damals nur insofern eine Rolle, als sie am Sonntag innerhalb von wenigen Stunden einen Doppelsieg bestaunen duften: Erst schlug Steffi Graf, damals die beste Spielerin der Welt, ihre Rivalin Martina Navratilova 6:2, 6:7, 6:1. Kaum hatte sie mit ihrer Silberschale den Platz verlassen, betrat Boris Becker den Centre Court, den er damals sein Wohnzimmer nannte. Mit 6:0, 7:6, 6:4 setzte er sich gegen den Schweden Stefan Edberg durch und eroberte den Goldpokal zum dritten und letzten Mal.

Zwei Königskinder, die dem deutschen Sport einen historischen Nachmittag bescherten: Derart schwere Beute, den Cup mit der goldenen Ananas auf dem Deckel und den Präsentierteller, die Venus-Rosewater-Dish, haben Spieler aus den Reihen des Deutschen Tennis Bundes seitdem nie wieder gemeinsam aus den Vitrinen in Wimbledon abgeräumt. Der Doppel-Jubeltag von Wimbledon, der 9. Juli 1989, jährt sich am Dienstag zum 30. Mal. Die Erinnerung lohnt, weil an den Finaltagen diesmal niemand einem deutschen Einzelspieler applaudieren wird.

Schon das Achtelfinale am heutigen Montag wird ohne DTB-Beteiligung über die Bühne gehen; die Bilanz ist so mies wie seit vier Jahren nicht mehr. Aber ehe das große Wehklagen anhebt, sei daran erinnert, dass der deutsche Tennisprofisport in den vergangenen zwölf Monaten so prächtig wie lange nicht abschnitt. Als Angelique Kerber sich vor Jahresfrist den Wimbledontitel sicherte, war sie die erste, der das nach Steffi Grafs siebtem Triumph 1996 gelang; Alexander Zverev darf sich noch immer der Champion des ATP-Finals vom November nennen; und dass zwei deutschen Doppelspieler die French Open gewinnen wie Andreas Mies und Kevin Krawietz vor einem Monat in Paris, war bis dahin überhaupt noch niemals vorgekommen.

Für die Zukunft des Tennis prophezeien Experten weniger erfreuliche Phasen, weil es an schlagkräftigen Nachwuchsspielern fehlt. Das klingt so unbarmherzig wie 1989 der Wetterbericht. Aber dennoch ist es erlaubt, in Erinnerung an den Jubeltag vor 30 Jahren ein paar Erdbeeren zu verspeisen. Auch aus dem heimischen Garten.

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