Kommentar Eine Meisterschaft wie das fünfte Schnitzel

Der FC Bayern wird zum 27. Mal Meister. Oder zum 26. Mal? Zum 29. Mal? Wer weiß das schon. Der Titel in der Bundesliga ist für den Rekordmeister beliebig geworden.

Kommentar von Martin Schneider

Als der FC Bayern Meister war, schrie Philipp Lahm zwischen den Münchner Fans in Wolfsburg in ein Megafon. Auf dem Rasen hatte sich Arturo Vidal eine Papp-Meisterschale an einem Gummiband umgehängt. Franck Ribéry, der sich angeblich mit Carlo Ancelotti verkracht hat, feixte sehr fröhlich mit Carlo Ancelotti. Selbst Arjen Robben hüpfte. Tatsächlich: Mimik, Gestik, später sogar die Interviews und somit sämtliche Ermittlungen führten zu dem Schluss: Die Spieler des FC Bayern haben sich wirklich über diesen Titel gefreut. Immerhin hat sich also irgendjemand darüber gefreut.

Dies vorweg: Der FC Bayern hat sich diese Schale natürlich verdient. Als der größte Konkurrent RB Leipzig in der Hinrunde nach München kam, schossen die Bayern den Aufsteiger mit 3:0 aus dem Stadion. Es war das entscheidende Spiel der Saison. Ein paar Rebellen begehrten auf, das Imperium schlug zurück. Ende der Saga. Und weil die Münchner danach auch die Spiele gegen die Ingolstadts und Augsburgs dieser Welt gewannen und Dortmund oder auch Leipzig diese Partien verloren, konnte es keinen anderen Meister geben.

FC Bayern München "Wo ist der Alkohol?"
FC Bayern München

"Wo ist der Alkohol?"

Der FC Bayern sichert sich seinen 27. Meistertitel vorzeitig durch ein 6:0 gegen Wolfsburg, die Spieler verlangen Feiergetränke und Karl-Heinz Rummenigge gönnt sich schon vor Schlusspfiff ein Siegerbier.   Von Javier Cáceres

Die offizielle Sprachregelung bei den Münchner ist: Die Meisterschaft ist der ehrlichste Titel. Wenn man die Schale gewinnt, sei es keine schlechte Saison. Manche, wie Philipp Lahm, sprechen von einer "guten" Saison. Auf der Bewertungsskala des FC Bayern mag das stimmen. Für den Rest der Republik ist es inzwischen allerdings einfach normal. Wer außer Karl-Heinz Rummenigge wusste wohl, bevor es jetzt überall steht, dass dies die 27. Meisterschaft des FC Bayern ist? Klingt ja eigentlich genau wie 26 oder 29: beliebig. Genau wie der Fakt, dass es die fünfte Meisterschaft in Serie ist. Die Wahrheit hinter dem obligatorischen Hüpfen und Springen und Singen: Auch die schönste Sache der Welt verliert im Überfluss an Reiz. Wer will schon fünf Schnitzel auf einmal essen?

Die Wahrheit: "Auf die Dauer ist ein Titel schon ein bisschen wenig für uns"

Uli Hoeneß hat just vor dem Spiel in Wolfsburg die große unausgesprochene Wahrheit schon ausgesprochen: "Auf die Dauer ist ein Titel schon ein bisschen wenig für uns", sagte er in einem Interview mit der Abendzeitung. Der nationale Titel ist, wenn man so will, die Mindestanforderung, die man an diese Gruppe von Berufsfußballern stellen muss. Wie man von einem Friseur verlangen kann, dass er die Haare sauber schneidet. Aber niemand macht ja wegen eines sauberen Herren-Haarschnitts eine Polonaise. Die Leopoldstraße in München erlebte am Samstag keine Feier. Obwohl es sogar aufgehört hatte zu schneien.

Der FC Bayern hat selbst dafür gesorgt, dass auch viele eigene Fans die Schale nur mit einem zufriedenen Kopfnicken zur Kenntnis nehmen. Der Abstand zum Rest der Liga ist in den vergangenen Jahren zu groß geworden, um noch von echter Konkurrenz zu sprechen. Zum Beleg dieser These ein paar Zahlen: 25, 19, 10, 10, 10. Das war beziehungsweise ist in Punkten jeweils der Vorsprung der vergangenen fünf Jahre in der Abschlusstabelle vor dem jeweiligen Zweiten. In diesen fünf Jahren hat der FC Bayern übrigens abzüglich der einkalkulierten Niederlagen nach dem Titelgewinn genau sieben Bundesliga-Spiele verloren. Sieben Niederlagen in fünf Jahren.

Der Umsatz des FC Bayern ist fast doppelt so groß wie der von Borussia Dortmund und 15mal so hoch wie der von Darmstadt 98. Thomas Tuchel erinnerte vor dem DFB-Pokal-Halbfinale noch mal an eine fast vergessene Tatsache: "Sie haben vor der Saison unseren Kapitän weggekauft", Mats Hummels. In Deutschland hat man das mittlerweile als gottgegeben hingenommen, dass der FC Bayern die besten Spieler der zweitbesten Mannschaft holen kann. Aber man stelle sich vor, Real Madrid würde einfach mal so den Kapitän des FC Barcelona verpflichten. In England lästerte José Mourinho, Trainer von Manchester United, vor nicht allzu langer Zeit, als sich die Meisterschaft der Münchner abzeichnete. "Wissen Sie, wann der Titelkampf für sie jedes Jahr beginnt? Wenn sie im Sommer zuvor den besten Spieler von Borussia Dortmund unter Vertrag genommen haben."

Man muss die Verantwortlichen respektieren, man kann sie bewundern

Über 34 Spiele kann keine Mannschaft den Münchnern Widerstand leisten. Nur im DFB-Pokal ist über 90 Minuten etwas zu machen. Selbst dort muss schon a) Borussia Dortmund gegen den FC Bayern spielen und b) ein bisschen was zusammenkommen, damit Dortmund wirklich gewinnt. 2015 rutschte der FC Bayern am Elfmeterpunkt aus, vergangene Woche musste Sven Bender den Handballtorwart in sich entdecken.

Der FC Bayern hat es geschafft, mit Geschick und Geld das mit Abstand PS-stärkste Auto auf der Rennpiste zu bauen. Dieses Auto brauchen sie auch dringend, um mit Boliden wie dem FC Barcelona oder Real Madrid mithalten zu können, man hat das vor ein paar Tagen im Viertelfinale der Champions League wieder gesehen. Die Münchner haben in den vergangenen Jahren vieles richtig gemacht. Andere Klubs schaffen es nicht, finanziellen Vorsprung auch in Punkte-Vorsprung zu verwandeln. Man schaue sich nur an, wo Schalke, Wolfsburg oder Hamburg stehen. Dafür muss man den FC Bayern und die Verantwortlichen respektieren, man kann sie loben, sogar bewundern.

Wenn man aber in Deutschland mit einem 600-PS-Auto das Rennen gegen ein 300-PS-Auto aus Dortmund und eine Hand voll Kleinwagen gewinnt, dann darf man nicht erwarten, dass die Zuschauer eskalieren.

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