Kommentar Ein gutes schlechtes Beispiel

In Hannover zeigt sich, wie die komplizierte 50+1-Debatte nicht geführt werden darf. Es geht auch darum, die Menschen zu erreichen.

Von Christof Kneer

Aus dieser Sicht ist die Debatte noch nie betrachtet worden, und das ist auf jeden Fall ein Versäumnis: Nein, Martin Kind darf nicht gehen, auch wenn ihn viele Leute seit Jahren aus der Branche hinaus wünschen. Kind darf nicht gehen, weil sonst in keinem einzigen Fußballtext mehr das Wort "Hörgeräte-Unternehmer" vorkäme, und damit, das darf man sagen, wäre die Sportberichterstattung doch um einiges ärmer.

Seit vielen, vielen Jahren bilden "Martin Kind" und "Hörgeräte-Unternehmer" ein harmonisches Begriffspaar. Kaum ein Bericht über Hannover 96 kommt ohne dieses Paar aus, und wahrscheinlich darf man also behaupten, dass es sich bei Martin Kind um einen Traditionsverein unter den Fußballfunktionären handelt.

In der Investorendebatte geht es darum, einen eigenen, deutschen Weg zu finden

Seit 1997 ist Kind, 74, in Hannover engagiert, er hat unzählige ungezählte Millionen in seinen Lieblingsklub gesteckt und die aus dem Hauptverein ausgegliederte Profifußball-Abteilung an eine Gruppe von Geschäftsleuten unter seiner Federführung übertragen - mit dem Ziel, eine Ausnahmegenehmigung von jener heiligen 50+1-Regel zu erwirken, die im deutschen Profifußball den Einfluss von Investoren begrenzt. Es ist die ganz große Debatte, die der deutsche Fußball da gerade führt: Es geht darum, diesen Sport weiter zu professionalisieren und das nötige Kapital zuzulassen, ohne dass der Sport seine tiefe und identitätsstiftende Verankerung in der Gesellschaft verliert.

Jenseits aller technischen Details dieser komplexen 50+1-Debatte lässt sich nun mehr denn je festhalten, dass Kinds Klub der Republik seit Jahren ein gutes schlechtes Beispiel liefert. In Hannover machen sie das wirklich ausgezeichnet: zeigen, wie es eben nicht geht.

An jenem Misstrauensvotum, das Kind & Komplizen nun am Wochenende erlitten haben, lässt sich in wunderbar demokratischer Verdichtung erkennen, dass es dem - Achtung - Hörgeräte-Unternehmer in mehr als zwei Jahrzehnten nie gelungen ist, die Menschen auf seine Seite zu ziehen und sie an seinen Überlegungen zu beteiligen. Gerade weil das Thema so kompliziert ist, geht es stark um Transparenz und Vertrauen - es geht im Grunde darum, einen Kompromiss zu finden, einen eigenen, deutschen Weg, der sich vom Weg der englischen Premier League schon aus Gründen unterschiedlicher Sportkulturen unterscheiden sollte.

Martin Kind, ein führender Vertreter der Anti-50+1-Partei, hat zu dieser Debatte nun einen bemerkenswert gespaltenen Verein beigesteuert, der immerhin eine gewisse Verlässlichkeit ausstrahlt. In der Regel kann man zum Beispiel davon ausgehen, dass sich in Hannover Trainer und Sportdirektor nicht verstehen, und falls doch, dann ist es irgendwie auch egal, weil mindestens einer von beiden bald schon wieder entlassen wird.

Hannovers Beispiel sollte quer durch die Liga auch den Unterstützern der Kind-Politik zu denken geben. Ihr Argument, dass der sog. Mann auf der Straße regionale Investoren eher akzeptiert als solche aus Katar, ist jetzt erst mal widerlegt. Hannover lehrt: Um akzeptiert zu werden, reicht es nicht, kein Scheich zu sein.