Kommentar Digitale Beruhigungspille

Dass die Tests des Radsport-Weltverbands auf Motordoping lückenhaft sein sollen, passt ins Bild: Der Sport pflegt nach wie vor einen Anti-Doping-Kampf, der den Namen nicht verdient.

Von Johannes Knuth

Mit einem handelsüblichen Tablet (zu Deutsch: Flachbrett), lassen sich allerhand nützliche und unnütze Dinge anstellen. Der Nutzer kann Hunderte Sinfonien speichern und rezipieren, er kann die eigenen (endlichen) Geldströme verwalten, unendliche Nachrichtenströme konsumieren, digitale Spiele spielen, wie das einst beliebte Pokémon Go, bei dem man per Flachbrett virtuelle Fabelwesen in der analogen Welt jagt. Irgendwann wird man damit wohl auch zum Mars reisen und die Wüste Gobi durchqueren können. Liegt es da nicht nahe, dass ein Weltverband einem Tablet sogar die Kraft zuschreibt, alle Formen des technologischen Betrugs zu entblättern?

Das ist ja weiterhin die Theorie, die der Radsport-Weltverband UCI seit zwei Jahren unters Volk bringt. Einmal mit dem speziell präparierten Tablet übers Rennrad gewischt, ein paar prüfende Griffe, schon weiß der Kontrolleur, ob in einem Gefährt ein Motörchen steckt. Dass die Tests dabei fast nie ausschlugen, irritierte die Regelwächter nicht, im Gegenteil: Das zeige doch, dass die hauseigenen Tests mittlerweile so gut sind, dass niemand schummelt. Klar gebe es neue Betrugsformen, sagte die UCI noch im Sommer auf Nachfrage, aber man glaube - nein, man wisse, dass man den Betrügern voraus sei, zumindest im Profisport. Neue Recherchen aus Frankreich und Deutschland zeigen nun, wie sehr man an diese vollumfängliche Aufklärungsquote glauben kann: in etwa so sehr wie an den Osterhasen oder den Weihnachtsmann.

Das passt ins Bild. Der Anti-Doping-Kampf ist ja bis heute kein Kampf, sondern eher ein Anti-Doping-Management. Er wirbelt mit lückenhaften Tests bestenfalls so viel Schmutz auf, dass das eigene Geschäft nicht leidet, suggeriert gleichzeitig eine weitgehend lückenlose Aufklärung. Wie putzig das ist, zeigte erst vor wenigen Tagen eine Studie, die den Betrug bei internationalen Muskelmessen auf bis zu 50 Prozent taxierte. Mag sein, dass die UCI manches tut, um Motordoping zu enttarnen. Nur handelt es sich dabei offenbar um Tests, die so effektiv sind wie eine Radaranlage, die jeden zweiten Tag eingeschaltet ist. So verdichten sich die Anzeichen, dass diese digitalen Radare der UCI sich unwesentlich von ineffektiven Blut- und Urintests unterscheiden: beides sind Beruhigungspillen, fürs Publikum.

Hoffentlich, bemerkte ein Nutzer am Montag bei Twitter, haben die UCI-Tester mit ihren Tablets wenigstens ein paar Fabelwesen bei Pokémon Go gefunden.