bedeckt München

Kommentar:Der entfremdete Bundestrainer

Joachim Löw hat die Nationalelf zuletzt sehr eigenbrötlerisch geführt. Künftig wird er nicht nur auf dem Platz Gegner haben.

Von Philipp Selldorf

Am Morgen danach war der Spielstand immer noch derselbe. Das war einerseits fast erfreulich, weil es einen nicht gewundert hätte, wenn über Nacht weitere lächerlich einfache Gegentore hinzugekommen wären. Andererseits war es nach wie vor unglaublich, dass eine deutsche Nationalmannschaft tatsächlich 0:6 verloren hatte. 0:6, das ist ein Resultat, das in der Bundesliga in den besten Familien vorkommen kann - aber nicht bei der Nationalelf. In Sevilla hat sie am Dienstagabend einen historischen Meilenstein gesetzt. Erinnerungen an ähnlich drastische Niederlagen waren bisher das Privileg von 100-Jährigen, der Bundestrainer hieß damals Reichstrainer und trug den Namen Otto Nerz.

Wie lange Joachim Löw noch den Titel Bundestrainer tragen darf, wird das Thema der nächsten Tage sein. Im ersten Reflex haben ihn die mitgereisten DFB-Vertreter Fritz Keller und Oliver Bierhoff im Amt bestätigt. Aber die Frage ist, ob sie nicht im Zuge der unvermeidlich aufkommenden öffentlichen Trainerdebatte zu neuen Ansichten gelangen werden. In Sevilla ist ja mehr als eine heftige Niederlage passiert, es ist der Eindruck einer Enthüllung und Entlarvung entstanden. Die Nationalelf präsentierte sich als dringender Notfall, der nach externer erster Hilfe verlangt, weil der in Ehren ergraute Hausarzt überfordert zu sein scheint.

Dabei hatte sich Löw nach zuletzt etwas besseren Auftritten mit etwas besseren Ergebnissen wieder recht komfortabel auf dem Posten eingerichtet. Längst nicht mehr als die souveräne Instanz, die er mal war, aber auch nicht mehr so umstritten wie im Vorjahr. Die Versicherung von DFB-Direktor Bierhoff, Löws Kurs "bis einschließlich der Europameisterschaft" zu unterstützen, eröffnete zwar einen Raum zur Interpretation - nur bis zur EM? Und dann? -, sie war aber nicht als Drohung an Löw gerichtet, sondern als Botschaft fürs Publikum gedacht.

Was Bierhoff sagen wollte: Dass beim DFB wie im realen Ligafußball die Leistung entscheidet, nicht die Rücksicht auf alte Verdienste. In seiner Aussage versteckte sich nicht die Absicht zum Dolchstoß, sondern ein Grundsatzbekenntnis: Schlechte Ergebnisse stellen die Weiterbeschäftigung des Trainers infrage - so ist der Profisport. Das 0:6 in Spanien hat diesen Prozess schlagartig aktiviert, doch Bierhoff möchte offenbar nicht Zeuge der Anklage sein. In Sevilla hat er "absolutes Vertrauen" in den Trainer zu Protokoll gegeben und damit vorbeugend die Bedeutung der Niederlage geleugnet.

Dieses 0:6 ist ja mehr als ein Zwischenfall, es lässt sich nicht isoliert als Missgeschick betrachten. Dabei geht es nicht um Schuldverteilung und zum Beispiel darum, dass der große Toni Kroos inmitten des Spektakels eine besonders traurige Figur abgegeben hat. Und es kommt im Fall Löw auch nicht mehr darauf an, was er durch Aufstellung und taktische Vorgaben zum Desaster beigetragen hat. Es kommt vielmehr auf die allgemeine Verantwortung an, die er für das Nationalteam trägt nach seiner beinahe ewigen Vorgeschichte als Chefcoach.

Es gab plausible Gründe dafür, dass Löw nach dem WM-Aus 2018 seine Arbeit fortsetzen durfte. Es hätte aber auch genügend seriöse Argumente für seine Ablösung gegeben. Obenan stand dabei ein Empfinden: Die Zeit miteinander war lang genug - im Publikum breitete sich das Gefühl von Überdruss aus. Nun sind zwei weitere Jahre vergangen, in denen Löw zunehmend eigenbrötlerisch, unnahbar, manchmal fast entfremdet das Nationalteam geführt hat, und niemand würde behaupten, dass sich in der Szene neue Begeisterung für ihn gebildet hätte.

Löw müsste, sollte er im Amt bleiben, künftig nicht nur gegen den Gegner auf dem Platz coachen, sondern auch gegen ein laut vernehmliches Heer von Kritikern, das bei jeder Gelegenheit seine letzten Tage zählt. Man wird ihm vorhalten, dass er Hummels, Boateng und Müller nicht beruft, und man würde es ihm auch vorhalten, wenn er sie wieder beriefe. Seine Spieler werden es spüren, das Vertrauen in seine Trainerkunst wird erodieren.

Junge Kerle wie Havertz oder Sané kennen den schwungvollen Löw der früheren Jahre nicht - sie begegnen jetzt einem Mann, der sich dadurch auszeichnet, dass er schon immer da war. Es sind die Phänomene eines verschwundenen Charismas, die Bierhoff und die Leute beim DFB jetzt lesen und verstehen müssen. Noch haben sie Zeit, um vor dem Start ins EM-Jahr verantwortungsvoll zu handeln.

© SZ vom 19.11.2020
Zur SZ-Startseite