Kommentar:Das große Stopfen

Lesezeit: 2 min

Hätte die Verschiebung der Olympischen Spiele nicht auch mit einer Entzerrung der Termine einhergehen können? Dafür ist der Sportkalender zu voll.

Von Claudio Catuogno

Man kann sich mal einen Regionalzug-Waggon vorstellen, Wagennummer 2021, der sich durch Tokios Vororte schiebt. Immer mehr Leute steigen zu, etwa ab Nishi-Tokorozawa stehen sie sich auf den Zehen, der Platz reicht längst nicht für alle, aber es müssen halt alle irgendwohin. Dann Einfahrt in den Bahnhof Shakujii-kōen - und am Bahnsteig warten noch einmal so viele Menschen, wie schon drin sind im Zug. So ungefähr geht es dem Sportjahr 2021.

Die Tokio-Sommerspiele 2020 finden wegen Corona nun vom 23. Juli 2021 an statt, alle gemeinsam haben das entschieden, Japaner, IOC, 33 Sommer-Verbände und der US-Sender NBC, der Milliarden zum Budget beisteuert. Aber wie sagte es IOC-Präsident Thomas Bach, als er sich noch gegen das Unvermeidbare stemmte: "Olympische Spiele können Sie nicht verschieben wie ein Fußballspiel." Es ist vielmehr wie in Shakujii-kōen: Man müsste jetzt dringend hier einsteigen, mit der ganzen Großfamilie, mit Gepäck ohne Ende. Aber es ist halt schon voll.

Die Klage, dass mehr Sport ins Sportjahr gestopft wird, als das Publikum konsumieren und mancher Athletenkörper aushalten kann, ist nicht neu. Oft ist die Klage wohlfeil, etwa, wenn dann doch alle ihre Taschen packen, weil beim letzten Showkampf noch Preisgeld lockt. Manchmal bleibt den geschundenen Sportlern nichts anderes übrig, als etwa reihenweise für eine Handball-EM abzusagen. Der Bundestrainer nimmt dann andere geschundene Handballer mit, the Show must go on. Würde man eine Umfrage unter Schwimmern starten, wer kurz vor Olympia noch eine EM braucht, wäre das Ergebnis wohl: niemand. Außer halt dem Verband. Gleiches gilt für die Leichtathletik, die sich seit 2012 auch noch ins Olympia-Jahr quetscht. Im Grunde absurd. Andererseits: Wer dann Europameister wird, findet's halt doch richtig gut.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Optimieren und Kannibalisieren, aber eines verträgt dieses streng nach Businesslogik getaktete System sicher nicht: Wenn das größte Sportfest von allen einen neuen Termin braucht. Und anders als in der U-Bahn kommt ja noch hinzu: Die Sportler sind gleichzeitig diejenigen, die zusteigen, und diejenigen, die schon drin sind. Im Juli und August 2021 etwa waren sie ursprünglich bei der Schwimm-WM in Fukuoka und bei der Leichtathletik-WM in Eugene eingeplant. Beide Wettkämpfe brauchen jetzt neue Termine - und werden dabei wiederum anderen in die Quere kommen, die dann wieder anderen ...

Kurz keimte rund um die Tokio-Verlegung ein verwegener Gedanke auf: Hatte man nicht, ehe Corona alles überlagerte, darüber geklagt, dass es im Hochsommer in Tokio viel zu heiß ist für Sport? Wäre so eine Zwangsverschiebung da nicht eine Chance gewesen? Klar! Bloß: Da sind halt auch Wimbledon und die Tour de France, der globale Fußballbetrieb und die US-Profiligen ... Für einen Olympiatermin im Sinne der Athleten hätten die meisten Athleten ja gar keine Zeit.

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