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Kommentar:Der riskante Weg

Das DHB-Präsidium erachtet das Verhältnis zwischen Spielern und Trainer Prokop für intakt genug, um die bevorstehenden Aufgaben anzugehen - und geht damit ins Risiko.

Von Ralf Tögel

Der Deutsche Handballbund hatte sich für die Analyse der missratenen EM in Kroatien viel Zeit erbeten. Es galt, die Stimmung in der Liga auszuloten, Einzelgespräche zu führen - und vor allem in die Mannschaft hineinzuhorchen. Knapp vier Wochen sind seit der verpassten Titelverteidigung vergangen, nun hat der DHB mitgeteilt, dass er an Bundestrainer Christian Prokop festhalten wird.

Der Verband hat sich von der anhaltenden und scharfen Kritik am neuen Bundestrainer nicht beeindrucken lassen, er glaubt an dessen Vision - und vor allem an dessen Lernfähigkeit. Bob Hanning, zuständiger Vizepräsident im DHB, hat sich ein weiteres Mal durchgesetzt, er war federführend bei Prokops Verpflichtung. Und er hat dessen Schicksal offenbar mit seinem eigenen verknüpft. Der entscheidende Impuls dürfte aber von den Spielern gekommen sein. Die atmosphärischen Störungen, die im Turnierverlauf unübersehbar waren, sind offenbar so weit ausgeräumt, dass der DHB an eine gemeinsame Zukunft glaubt.

Prokop muss sein System den vorhandenen Spielern anpassen

Die fachliche Eignung des 39-Jährigen steht ohnehin außer Frage. Prokop ist einer dieser jungen Systemtrainer, die in ihrer Arbeit der Analyse einen vorrangigen Stellenwert einräumen. Im Vereinsgeschäft ist das die Zukunft, dort ist die "Geht's-raus-und-spuits-einfach-Handball"-Mentalität längst als anachronistisch entlarvt, dort kann man in Wochenschritten an einem System feilen. In einem Turnier ist das anders, da muss ein Trainer in kürzester Zeit eine positive Stimmung entfachen, jeden einzelnen Spieler mitnehmen, ein Team formen - so wie es Dagur Sigurdsson beim EM-Triumph 2016 vorexerziert hat.

Das ist Christian Prokop nicht gelungen, er hat Fehler gemacht. Der größte war die Nichtberücksichtigung von Finn Lemke, damit riss Prokop die tragende Säule aus der Abwehr-Tektonik - und einen der wichtigsten Führungsspieler aus dem Team. In Fabian Wiede musterte er einen weiterer Europameister aus und ersetzte beide durch seine ehemaligen Leipziger Spieler Maximilian Janke und Bastian Roschek. Was den Ruch der Bevorzugung in sich trug - und darüber hinaus bei der EM gescheitert ist. Auch sein Coaching muss Prokop verbessern, in entscheidenden Auszeiten überforderte er die Spieler mit verwirrenden Laufwegen, anstatt mit einfachen Kommandos Ruhe auszustrahlen. All das ist ihm als Novize in seinem ersten Turnier zu verzeihen, sofern er bereit ist, aus seinen Fehlern zu lernen. Und sofern ihm die Spieler weiterhin vertrauen. Das DHB-Präsidium hält das Verhältnis für tragfähig - und geht mit seiner Entscheidung ins Risiko. Im Januar 2019 ist Deutschland Co-Gastgeber der WM, ein Jahr später ist Olympia-Gold das erklärte Ziel. Wenn Prokop bereit ist, sein System den vorhandenen Spielern anzupassen, anstatt es stur durchzusetzen, hat er diese zweite Chance verdient. Es wird seine letzte sein.

© SZ vom 20.02.2018
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