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Verbände kennen viele Tricks, um Kritiker zu stoppen. Nun könnte die Welt-Anti-Doping-Agentur das Mindestalter anheben, um eine Kandidatin vom Chefposten fernzuhalten.

Von Johannes Knuth

Der Brite David Burghley zählt zu jener Kaste von Sportfunktionären, die leider etwas in Vergessenheit geraten sind. Das ist zum einen seiner vollen Anrede geschuldet, Lord Burghley, sechster Marquis von Exeter. Damit hätte er problemlos in Loriots sechzehnteiligem Fernsehkrimi "Die zwei Cousinen" mitmachen können, mit Gwyneth Molesworth und Lord Hesketh-Fortescue aus Nether Addlethorpe. Zum anderen führte Lord Burghley von 1946 bis 1976 den Leichtathletik-Weltverband auf eine Art, die mit konservativ noch wohlwollend umschrieben ist. Ehemalige Mitstreiter erinnern sich etwa an einen Kongress 1970 in Stockholm, als afrikanische Funktionäre das Wort erbaten. Burghley hämmerte bloß mit seinem Holzhammer auf den Tisch. "Nächster Punkt auf der Tagesordnung", rief er, als seien die Bittsteller gar nicht im Raum.

Hach, das waren noch Zeiten, als unbequeme Redner sich einfach weghämmern ließen. Der mächtige Sport-Präsident von heute hat es da schon schwerer. Er muss sich mit nervigen Kronzeugen auseinandersetzen, die das schöne Bild des Spitzensports besudeln. Oder mit anderen Funktionären, die den mächtigen Präsidenten für seinen Kurs kritisieren. Wenn es blöd läuft, erfährt diese Opposition auch noch Unterstützung aus der Welt der Athleten, wie im Fall von Linda Helleland. Die norwegische Ministerin möchte im kommenden Jahr gerne Craig Reedie ablösen, den taumelnden Boss der taumelnden Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Helleland hat beide zuletzt herzhaft kritisiert und versprochen, die Agentur zu reformieren. Welch Zufall, dass eine Wada-Sitzung kommende Woche über einen Antrag diskutieren soll, wonach für Präsidentschaftskandidaten ein Mindestalter von 45 Jahren festgeschrieben werden könnte. Helleland ist 41.

Johannes Knuth, 31, müsste sich bis zu einer möglichen Kandidatur um die Wada-Präsidentschaft noch eine Weile gedulden.

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Als handele es sich hier um die Alkoholbeschaffung im Supermarkt: "Sorry, kann ich mal Ihren Ausweis sehen?"

Aber wer da jetzt ein Manöver von Reedie vermutet: Gemach. Der Antrag stamme gar nicht von Reedies Vorstand, sondern von einer außenstehenden Delegation, teilte die Wada mit. Zudem stehe der Antrag nicht zur Diskussion für das Exekutivkomitee. Na dann ist ja alles gut. Aber lustig ist das schon, dass Vertreter, die bisher kaum mit wichtigen Vorstößen auffällig wurden, plötzlich von dieser Idee beseelt werden. Einfach so? Das ist ja zumindest einer der ältesten Taschenspielertricks der Sportpolitik: Kommissionen anzustiften, rein zufällig genau das zu erarbeiten, was der Führung in den Kram passt.

Der Umgang mit Helleland, die als 24-Jährige immerhin alt genug war, um ins norwegische Parlament einzuziehen, dient da wohl eher als Fallstudie für den Umgang mit unbequemen Stimmen. Die Norwegerin stimmte zuletzt als Wada-Vizepräsidentin vergeblich gegen den umstrittenen Beschluss, die russische Anti-Doping-Agentur wieder in die Sportfamilie einzugliedern. Sie kritisierte ihre eigene Organisation dafür, öffentlich. Auch Beckie Scott, die Vorsitzende der Wada-Athletenkommission, sprach sich gegen die Aufnahme aus. Später gab sie an, von Funktionären gemobbt worden zu sein.

Zu jung? Linda Helleland.

(Foto: Bildbyran/Imago)

Fakt ist, dass die Mobilisierung von kritischen Athleten und Funktionären auch deshalb an Kraft gewinnt - von der deutschen Athletenkommission um Fechter Max Hartung bis hin zu führenden nationalen Anti-Doping-Agenturen. Sie kritisierten schon vor drei Jahren, wie seltsam nachlässig das IOC mit dem russischen Staatsdoping umging. Sie waren entsetzt über Wada-Chef Reedie, gleichzeitig Mitglied im IOC, der besänftigende Briefe an Russlands damaligen Sportminister schrieb. Und sie fordern, die Agentur unabhängiger zu besetzen, den Einfluss der Athleten zu vergrößern.

Die Wada und das IOC - das derartige Kritik gern als verirrte Einzelmeinungen abtut - könnten all das natürlich ernst nehmen. Oder sie kümmern sich weiter um die wahren Probleme des Sports: das Alter von Präsidentschaftskandidaten.