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Kommentar:All die schwarzen Schafe

Kistner

Thomas Kistner berichtet seit 25 Jahren über die Taschenspieler des Weltsports.

Das Doping-Geständnis des österreichischen Langläufers Johannes Dürr ist alarmierend für den deutschen Wintersport - und die Reaktion der Branche seltsam.

Langläufer Johannes Dürr hat in der ARD sein Betrügerleben offenbart. Keine harte Kriminalstory; der Film Gier nach Gold zeichnet über Wegbegleiter das Psychogramm eines Mannes, der in der Systemfalle des Spitzensports zum Dopingsünder wurde. Der Österreicher erzählt, wie schon an der Sportschule die Nachttische mit Pillen übersät waren; wie bald immer mehr Spritzen immer diskreter appliziert wurden; wie ihm die unter Topathleten so begehrte "Ausnahmegenehmigung" für Asthma-Mittel empfohlen wurde. Dauerthema im Kader war, was die anderen tun und wie weit man selbst gehen könne, Dopingaffären lieferten das stete Hintergrundrauschen. "Mit der Summe an Wissen", sagt Dürr, "stieg die Frustration: Man wirft alles in die Waagschale, aber das nutzt nichts, wenn man nicht den letzten Schritt tut."

Er tat ihn. Er dopte mit Eigenblut, Epo, Wachstumshormon, bei den Winterspielen 2014 wurde er erwischt. Das aber ist tatsächlich nur ein billiger Scherz am Rande: Nach diesen Sotschi-Spielen flogen zig Medaillenhelden auf, bis heute werden Plaketten hin und her getauscht.

Schon deshalb erstaunt der Sturm der Entrüstung, den Dürr nun in Deutschland erntet. Biathlon-Ikone Magdalena Neuner ließ in der ARD dieselbe Missbilligung anklingen wie aktive Langläufer und der Deutsche Skiverband. Alle stemmen sich gegen einen "Generalverdacht", den Dürr verbreiten würde. Neuner findet, er habe ja nur "seine Sicht der Dinge" dargetan. Und alle beteuern, es sei falsch, dass man es nur mit Doping an die Spitze schaffe. Mag sein. Aber dass Doping aufs Podest hilft, beweisen Olympias Medaillenspiegel: Die sind heute so aussagekräftig wie Fahrpläne der Deutschen Bahn.

Warum der spürbare Groll? Warum gelingt der Branche kein abgeklärter Blick auf die von Dürr geschilderten Prozesse, die in einem professionell strukturierten Erfolgssystem ablaufen und sich schlüssig in alles einfügen, was den Spitzensport in die globale Glaubwürdigkeitskrise geführt hat? Ja, der Fall Dürr steht für sich. Aber der Staatsanwaltschaft in München sowie der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) erscheinen die Aussagen klar genug, um zu ermitteln - wie wohl jedem, der das Milieu Spitzensport als kundiger Beobachter erlebt, nicht als Fan.

In Dürrs Heimat Österreich haben sie Erfahrung mit Ermittlungen. Nach einer großen Blutdoping-Affäre, die aus den Winterspielen 2006 in Turin erwuchs, wird dort gerade intensiv gegen langjährige Spitzenleute des Biathlon-Weltverbandes IBU ermittelt; im Kern steht der Verdacht auf Dopingvertuschung. Addiert man die steten Sündenfälle, die den Wintersport begleiten und in der russischen Staatsdoping-Affäre gipfelten, lässt sich das, was die Empörten nun als "Generalverdacht" geißeln, in einen anderen Fachbegriff kleiden: begründeter Anfangsverdacht. Den sieht die Justiz im Fall Dürr.

Und der rituelle Verweis auf Einzelfälle, auf die paar schwarzen Schafe, die es doch überall gäbe? Hört man, was Athleten in anonymen Umfragen beichten; lauscht man Fahndern, die vertraulich über die Brutalität der Doperszene und die engen Grenzen ihrer Analytik klagen; sieht man die Spitzenfunktionäre, die Doping mit Phrasen bekämpfen, aber keine unabhängigen Kontrollorgane in ihrem Geschäft dulden - dann lässt sich erahnen, dass all die schwarzen Schafe ein ganzes Olympiastadion füllen können.

Dürr nennt verdächtig viele deutsche Schauplätze: Ruhpolding, Oberhof, München. Eingedenk der oft irritierenden Rolle deutscher Funktionäre, zuletzt beispielsweise in der langen Treue zu den Beschuldigten im Biathlon-Skandal, stellt sich eine beunruhigende Frage: Hat Dürr dem deutschen Wintersport ein Problem beschert? Für diese Art Aufklärung darf er wohl keinen Applaus erwarten.